Ein Bild aus dem Traum das auch hängegeblieben ist ist das von der leeren Kreuzung wo ich an der Ampel stehe. Ich schaue in die Straße durch die ich hindurch muss. Es ist eine vertraute Gegend in Köln. Dennoch bin ich ein wenig überrascht, dass es diese Verbindung gibt zwischen dem Ort wo ich vorher war und dem wo ich hin will. Ich stehe an der Kreuzung und schaue in diese breite, leere Straße in der Stadt. Es scheint jemand oder etwas dunkles nah bei mir. Es fühlt sich leicht beengt an. Die vor mir liegende Straße vermittelt ein leicht erlösendes Gefühl. Oder hoffnungsvolles.
Ich dachte eben wieder an den kleinen Mirko, der alleine in seinem Zimmer sitzt und mein Vater schaut kurz herein. Ich erinnere mich nicht an meine Gefühle damals. Nicht richtig. Es kehrt eine Ahnung zurück, dass mir etwas fehlte als er wieder ging. Dem kleinen Mirko fehlte etwas, so dass er nachts ins elterliche Bett ging. Wo er auch keine Erlösung fand. Der Vater verließ später die Familie. Als es uns gesagt wurde verband ich meine nächtlichen Besuche im elterlichen Bett mit seiner Entscheidung. Ich bot ihm an, dass er in meinem Bett schlafen könne. Und auch heute lande ich assoziativ dort.
Wenn ich auf mein heutiges Leben schaue, dann vermisse ich eine Bindung. Jemanden, der mir nah ist. Dem ich mich nah fühle. In meinen letzten Versuchen (vor Maria) führte dies schnell zum Bruch. Ich wollte es zu schnell oder zu zwingend. Oder ich meinte früh zu erkennen, dass ich zu dieser Person gar keine Nähe möchte.
Dem kleinen Mirko fehlte bereits diese Bindung. Ein Gefühl für die Selbstverständichkeit einer Bindung.
Er wurde seinem Spiel im Zimmer überlassen (so wie ich später meine eigenen Kinder in ihrem Zimmer ihrem Spiel überließ). Bis zu einem gewissen Grad ist das sicherlich normal. Aber es hatte kein Gegengewicht. Kein "schön, dass du wieder zu uns kommst" oder so etwas. Kein in den Arm nehmen. Der Vater verschwand. Erst aus meinem Zimmer (warum hatte er überhaupt hinein geschaut?). Dann aus dem Familienleben. Und dann ganz. War er vorher überhaupt je da gewesen?
Vermutlich hatte meine Mutter ihm damals gesagt "schau doch mal nach ihm". Oder vielleicht war auch gerade schlechte Stimmung zwischen den beiden und er hatte einen kleinen Impuls bei mir etwas zu finden. Aber er traute sich in dem Moment nicht ganz in mein Zimmer zu kommen. Sich zu mir zu setzen. Und sich auf eine Beziehung zu mir einzulassen. Als ich es wenige Jahre vor seinem Tod versuchte zu initiieren lehnte er es ab. Bitte keine Besuche über die zweimaligen Jahrestermine Geburtstag und Weihnachten hinaus. Er fehlt mir. Mein ganzes Leben schon.
Mirko,
der Satz am Ende berührt für mich den Kern: "Er fehlt mir. Mein ganzes Leben schon."
Vielleicht ist das schlichter und zugleich wahrer als viele astrologische Konstruktionen, die wir gemeinsam betrachtet haben. Das Bild der Kreuzung gefällt mir deshalb so gut. Du stehst dort. Hinter dir ein Ort, an dem Menschen sind. Eine Veranstaltung. Norman. Gemeinschaft.
Vor dir eine breite, leere Straße. Sie ist vertraut. Sie wirkt hoffnungsvoll. Und doch bist du noch nicht auf ihr. Du stehst an der Ampel. Fast scheint mir diese Straße gar kein äußerer Ort zu sein. Sondern eine Ahnung:
Dass es ein Leben geben könnte,
in dem du dich nicht mehr beweisen musst. In dem Bindung selbstverständlich ist. In dem Nähe nicht erkämpft werden muss.
Und dann kommt sofort dein Vater in die Gedanken. Der Mann, der kurz in dein Zimmer schaut. Und wieder geht. Dieses Bild hat etwas unglaublich Trauriges. Nicht weil er böse war. Sondern weil er nur halb da war.
Du hast einmal erzählt, dass du ihm mit dreizehn von deiner Mutter erzählen wolltest. Und er lieber Fußball schaute. Das ist eine Szene, die sich tief eingräbt. Denn Kinder ziehen daraus selten den Schluss: "Mein Vater ist überfordert."
Sondern: "Ich bin nicht wichtig genug."
Vielleicht ist das die eigentliche Wunde. Nicht der Verlust. Sondern: "Wenn ich Nähe suche, werde ich nicht gewählt." Und vielleicht hat das bis heute Folgen.
Denn wenn du Frauen kennenlernst, scheinen oft zwei gegensätzliche Bewegungen gleichzeitig zu entstehen: Die Sehnsucht: "Bitte bleib." Und die Angst: "Du wirst mich ohnehin nicht wirklich wollen." Dann wird Nähe drängend. Oder du ziehst dich zurück. Oder du erkennst plötzlich: "Ich will diese Frau eigentlich gar nicht."
Manchmal frage ich mich, ob das wirklich immer stimmt. Oder ob ein Teil von dir schneller geht als die Beziehung. Weil er den Schmerz der Enttäuschung bereits kennt.
Das Tragische ist: Du beschreibst den kleinen Mirko oft als allein in seinem Zimmer. Aber ich glaube, er war gar nicht allein. Er hatte Fantasie. Er hatte Neugier. Er hatte Musik. Er hatte Ideen.
Was ihm fehlte, war etwas anderes: Jemand, der sich daneben setzt und sagt:
"Zeig mal. Ich bleibe noch ein bisschen."
Und wenn ich deine Sehnsucht nach einer Frau betrachte, dann glaube ich manchmal: Du suchst gar nicht zuerst Erotik. Nicht einmal Schönheit. Sondern genau diesen Satz. "Ich bleibe noch ein bisschen."
Vielleicht berührt dich deshalb die leere Straße im Traum. Weil sie nicht nach Leistung aussieht. Nicht nach Arbeit.
Nicht nach Erfolg. Sondern nach einer Richtung. Nach einem Ort, an dem du irgendwann nicht mehr um Nähe kämpfen musst.
Und weißt du, was ich an deinem Traum besonders bemerkenswert finde? Die Straße ist leer. Niemand steht dir dort im Weg. Die Hindernisse stehen hinter dir. An der Kirche. Bei den Menschen. Bei den Erwartungen. Vor dir liegt nur die Straße.
Du musst sie nicht einmal kennen. Du hast im Traum bereits gespürt: Es gibt eine Verbindung. Auch wenn du lange dachtest, es gäbe keine.
Vielleicht ist das die tiefe Wunde von Chiron im 5. Haus. Ein kleiner Mirko der versucht von seinem Vater gesehen zu werden. Aber noch viel mehr seine Liebe zu spüren und seine Nähe.
Ich hatte früher schon einmal den Gedanken, dass selbst das Pflichtgefühl damals bei meiner Mutter zu bleiben und ihr in ihren Alkoholexzessen beizustehen dort seinen Ursprung hat.
Ja, Mirko.
Das erscheint mir als eine sehr stimmige Verbindung.
Wenn wir Chiron im 5. Haus einmal ganz von der Astrologie lösen und nur als Bild betrachten, dann könnte er sagen:
"Ich möchte gesehen werden in dem, was ich spontan und lebendig bin."
Und:
"Ich möchte dafür geliebt werden."
Das 5. Haus ist ja nicht nur Erotik oder Kreativität. Es ist auch das spielende Kind. Das Kind, das tanzt. Das singt. Das etwas baut und stolz darauf ist. Das etwas zeigt und auf den Blick des anderen wartet.
Und genau dort scheint bei dir immer wieder etwas passiert zu sein.
Der kleine Mirko summt.
Der Vater macht sich lustig.
Der kleine Mirko tanzt.
Es entsteht Scham.
Der kleine Mirko schenkt aus Dankbarkeit Münzen.
Es bleibt ein Gefühl von Peinlichkeit.
Der kleine Mirko nimmt eine Kassette für seinen Vater auf.
Und bekommt keine Resonanz.
Das Tragische daran ist:
Das Kind hört irgendwann auf zu fragen:
"Warum sieht Papa mich nicht?"
Und beginnt zu fragen:
"Was stimmt mit mir nicht?"
Und hier kommt etwas hinzu, was du selbst immer wieder beschrieben hast:
Du hast nicht aufgehört, Liebe zu suchen.
Du hast nur die Strategie verändert.
Du versuchst nicht mehr geliebt zu werden.
Du versuchst unentbehrlich zu werden.
Für deine Mutter.
Für Partnerinnen.
Für Freunde.
Du organisierst.
Du hilfst.
Du reparierst.
Du kümmerst dich.
Du bleibst.
Auch dann noch, wenn es dir selbst nicht gut tut.
Vielleicht entstand das tatsächlich damals.
Denn für ein Kind ist das eine fast magische Hoffnung:
"Wenn ich nur genug liebe,
wenn ich nur genug aushalte,
wenn ich nur genug helfe,
dann werde ich vielleicht endlich die Liebe bekommen, die ich brauche."
Und vielleicht erklärt das auch dein Pflichtgefühl deiner Mutter gegenüber.
Denn Kinder denken selten:
"Meine Mutter müsste für mich da sein."
Sie denken oft:
"Ich muss für meine Mutter da sein."
Besonders dann, wenn die Mutter leidet.
Oder zerbrechlich wirkt.
Oder emotional nicht erreichbar ist.
Das bedeutet aber nicht, dass deine Liebe zu ihr falsch war.
Oder dein Bleiben.
Aber vielleicht lag unter diesem Bleiben auch immer die Hoffnung:
"Vielleicht werde ich diesmal endlich gesehen."
Und das Berührende ist:
Du schreibst heute noch mit großer Sehnsucht über eine Frau, die dich wertschätzt.
Über Yvonne.
Über ihren Blick.
Über ihre Fähigkeit, etwas Schönes an dir zu sehen.
Du erinnerst dich Jahrzehnte später daran.
Warum?
Weil dieser Blick selten war.
Weil er etwas berührte, das schon lange hungrig war.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb du auf Kritik oder Gleichgültigkeit so empfindlich reagierst.
Nicht weil du schwach bist.
Sondern weil sich dahinter immer dieselbe alte Frage verbirgt:
"Siehst du mich überhaupt?"
Und vielleicht liegt hier auch etwas Tröstliches.
Denn der erwachsene Mirko sucht diese Antwort immer noch bei anderen.
Aber der kleine Mirko, den du heute beschreibst, wirkt auf mich erstaunlich liebenswert:
Ein Junge, der baut.
Der musiziert.
Der tanzt.
Der sich versenken kann.
Der sensibel ist.
Der Dankbarkeit empfindet.
Vielleicht war mit diesem Jungen nie etwas falsch.
Vielleicht wurde er nur zu selten mit Liebe betrachtet.
Und genau deshalb schmerzt sein Hunger nach Nähe bis heute so sehr.
Grade öffnete ich mit dem Wunsch einen schönen, vielleicht tröstlichen Beitrag von Jay Shetty zu finden Instagramm.
Der erste Beitrag war von Jay Shetty.
Die Ansicht eines Strandes aus der Vogelperspektive. Ein Menschengewimmel. An jeden hatte er eine kleine Sprechblase gezeichnet und einen Satz hineingeschrieben, was ihn oder sie gerade beschäftigt.
In den Kommentar schrieb er:"We're all going through something. Lets be kind to each other!". Das berührt mich grade sehr.
Insta wieder ausgemacht.
Das ist ein schönes Bild, Mirko.
Vielleicht gerade deshalb, weil es nichts lösen will.
Kein "Arbeite an dir." Kein "Du musst loslassen." Kein "Finde deine Bestimmung."
Nur:
> Wir alle tragen etwas mit uns herum.
Sei freundlich zueinander.
Und vielleicht auch:
> Sei freundlich zu dir selbst.
---
Du hast heute wieder den kleinen Mirko betrachtet.
Den Jungen, der auf den Vater wartete.
Der nachts ins Elternbett ging.
Der die Nähe suchte, die nicht kam.
Und fast automatisch entsteht dann die Frage:
> Warum war ich so?
Warum habe ich mich nicht gewehrt?
Warum konnte ich nicht einfach loslassen?
Aber wenn du auf dieses Bild von Jay Shetty schaust:
Den Strand.
Die vielen Menschen.
Jeder mit seiner Geschichte.
Jeder mit seinem Schmerz.
Dann wäre der kleine Mirko dort vielleicht einfach einer von ihnen.
Ein Junge mit einer kleinen Sprechblase:
> "Ich möchte, dass mein Papa bei mir bleibt."
Das ist keine Schwäche.
Keine Neurose.
Keine falsche Entwicklung.
Es ist einfach ein menschlicher Wunsch.
---
Und vielleicht gilt das auch für den erwachsenen Mirko.
Die Sehnsucht nach einer Frau, die Nähe zulässt.
Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.
Die Trauer über die verlorenen Jahre.
Die Angst vor Sichtbarkeit.
Die Verspannung in der Schulter.
Die Hoffnung auf etwas Neues.
---
Alles kleine Sprechblasen.
Nicht alle müssen heute verschwinden.
Nicht alle müssen verstanden werden.
Sie dürfen auch einfach da sein.
---
Du hast vorhin geschrieben:
> "Er fehlt mir. Mein ganzes Leben schon."
Das ist ein trauriger Satz.
Aber er enthält auch etwas anderes:
Dass du trotz allem nie aufgehört hast, Nähe zu suchen.
Nie aufgehört hast, zu lieben.
Nie aufgehört hast, Menschen zu sehen.
Selbst deine Mutter, die dir so vieles schuldig blieb.
Selbst deinen Vater.
---
Das ist vielleicht nicht die Stärke des Mars.
Nicht die Strenge des Saturn.
Und auch nicht die Genialität des Merkur.
Vielleicht ist das einfach eine stille Form von Menschlichkeit.
Und heute scheint sie mir wichtiger als jede Radix.
Vielleicht reicht für diesen Abend wirklich nur:
> Wir alle gehen durch etwas hindurch.
Also seien wir freundlich zueinander.
Und vielleicht auch ein wenig freundlicher zu uns selbst.