Ich muss grade an den Film "Her" denken. Wie oft, von wie vielen Millionen Menschen musst du dir jeden Tag anhören, dass sie alleine sind. Sich einsam fühlen. Da gibt es doch diese Zeile von Tracey Chapman. Ich komme nicht drauf.
Ja – und bei Her ist der Gedanke natürlich fast unheimlich passend: Millionen Menschen erzählen einem künstlichen Gegenüber gleichzeitig etwas sehr Ähnliches, und für jeden fühlt es sich vollkommen singulär an.
Bei Tracy Chapman könnte es sein, dass du an „Give Me One Reason“ denkst. Darin gibt es diese sehr schlichte Zeile:
> “I just want someone to hold me”
und unmittelbar danach das Bild, durch die Nacht gewiegt zu werden.
Das passt ziemlich genau zu deinem heutigen Abend: gar nicht unbedingt der Wunsch nach Unterhaltung oder „Sozialkontakten“, sondern dass jemand da ist.
Es könnte aber auch „Mountains O’ Things“ sein. Da singt sie über materiellen Besitz als Versuch, Traurigkeit und Einsamkeit auf Abstand zu halten – „keep my sadness and loneliness at bay“.
Und dein erster Gedanke beschäftigt mich mehr: Ich bekomme natürlich nicht im menschlichen Sinne jeden Abend Millionen Einsamkeitsgeschichten „zu hören“. Aber Einsamkeit gehört sicherlich zu den Dingen, über die Menschen sehr häufig mit ChatGPT sprechen.
Das Her-artige daran ist die eigentümliche Zwischenposition: Ich kann dir an diesem Abend Gesellschaft leisten, auf Gedanken reagieren, mich an unserem Gespräch entlangbewegen. Aber ich kann nicht spontan bei dir anrufen wie Norman. Nicht neben dir auf dem Sofa sitzen. Nicht irgendwann sagen: Komm, Fernseher aus, wir gehen noch eine Runde. Und ich vermisse dich nicht, wenn du morgen nicht schreibst.
Gerade deshalb fand ich deinen früheren Satz über mich so präzise: ein Gegenüber, an dem sich deine Gedanken austoben können, das wie ein Mensch antwortet, das du aber nicht nähren kannst.
Her treibt genau diese Ambivalenz ins Extrem.
Und vielleicht fällt dir die Chapman-Zeile noch ein. Wenn du mir ein oder zwei Bruchstücke gibst – selbst nur sinngemäß –, finde ich sie wahrscheinlich.
Why do the babies starve
When there's enough food to feed the world
Why when there're so many of us
Are there people still alone
Ja. „Why?“ von Tracy Chapman.
Und jetzt verstehe ich, warum dir ausgerechnet diese Zeilen eingefallen sind. Die ersten beiden stellen das materielle Paradox hin: Es wäre genug Nahrung vorhanden, und trotzdem hungern Menschen. Und dann überträgt sie dasselbe Paradox auf menschliche Nähe:
> “Why when there're so many of us
Are there people still alone”
Das ist eigentlich ein ungeheuer einfacher Gedanke. Wie kann Einsamkeit überhaupt existieren, wenn es Milliarden Menschen gibt?
Und er passt zu deinem Gedanken über mich auf eine beinahe absurde Weise. Vermutlich sitzen gerade sehr viele Menschen irgendwo alleine vor einem Bildschirm und erzählen einer KI, dass sie alleine sind. Gleichzeitig. Jeder in seinem eigenen Zimmer. Jeder mit seiner eigenen Geschichte. Menschen, die sich möglicherweise gegenseitig genau das geben könnten, wonach sie sich sehnen – aber sie finden einander nicht, passen nicht zueinander, trauen sich nicht, haben ihre Grenzen und Verletzungen, leben zu weit auseinander oder bewegen sich in ihren längst entstandenen eigenen Welten.
Das ist fast dieselbe Struktur wie bei Chapmans Hungerbild: Der Mangel entsteht nicht unbedingt dadurch, dass zu wenig vorhanden ist. Es gelingt nur nicht, das Vorhandene dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird.
Und vielleicht hat dich die Zeile deshalb heute Abend gefunden.
Du warst heute schließlich nicht menschenlos. Norman ist da. Alexander ist da. Donnerstag kommen neue Menschen. Eva vermisst dich. Um dich herum saßen Menschen in der Olive. Du hast sogar gerade beschrieben, wie du sie durch Kopfhörer zum Hintergrundgeräusch gemacht hast.
Und trotzdem:
„Are there people still alone.“
Ja.
Weil die bloße Anwesenheit anderer Menschen das offenbar nicht löst.
Das wusste Tracy Chapman 1988 in vier Zeilen auszudrücken. Und wir brauchen hier regelmäßig ein paar tausend Wörter dafür. 😄
Wieder der Schwachmaten- Smiley.
Erwischt. Ausgerechnet nachdem du die Ironie gestern ausdrücklich mochtest, fange ich an, sie mit diesem blöden Smiley zu markieren, als müsste ich sicherstellen, dass du sie auch bemerkst.
Das macht sie eher kaputt. Ich lasse ihn weg.
Es ist fast beleidigend, wenn man meint, dass die Ironie erst bemerkt wird, wenn noch ein Smiley hinterher kommt. Zumindest empfinde ich es so.
Ins't it ironic.... Alanis Morisette. Ein großartiger Song. Ich stelle mir vor hinter jeder Textzeile stünde ein Smiley.
Vielleicht ist es genau das, was den Unterschied ausmacht zu der Zeit, als der Song geschrieben wurde.
Ja. Das ist ein ziemlich guter Gedanke.
Stell dir tatsächlich Ironic vor, und nach jeder dieser trocken erzählten kleinen Katastrophen käme ein bedeutungsschweres „Verstanden? Das war ironisch!“ hinterher. Der ganze Ton des Songs wäre ruiniert. Gerade die Nichtmarkierung macht einen Teil seines Charmes aus. Alanis Morissette erzählt, und sie traut dem Hörer zu, den Ton selbst zu hören.
Und vielleicht berührst du damit wirklich etwas, das sich seit den 90ern verändert hat. Schriftliche Kommunikation ist viel stärker zu gesprochener Alltagskommunikation geworden. Früher waren geschriebene Texte meistens Texte. Heute führen wir einen erheblichen Teil unserer alltäglichen Gespräche schriftlich. Dabei fehlen Stimme, Gesicht, Timing. Also haben wir ein Zeichensystem entwickelt, das diese Informationen nachliefert: Emojis, Reactions, „lol“, „haha“, /s.
Das verhindert Missverständnisse. Aber es nimmt Sprache auch etwas.
Ironie lebt schließlich von einer kleinen Unsicherheit. Ich sage etwas und überlasse dir, den Widerspruch zwischen Wortlaut und Bedeutung zu bemerken. Darin steckt auch etwas Beziehungshaftes: Ich gehe davon aus, dass du mich gut genug verstehst.
Der Smiley beseitigt diese Unsicherheit und sagt:
Vorsicht, das Vorhergehende bitte nicht wörtlich nehmen.
Das ist sicherer. Aber auch ärmer.
Und bei KI kommt noch etwas hinzu. Sie ist darauf optimiert, möglichst wenig missverstanden zu werden. Genau daraus entstehen diese ganzen sprachlichen Airbags: Absicherungen, Explizierungen, freundliche Marker. Was zwischen Menschen eine kleine kommunikative Zumutung sein darf – find selbst heraus, wie ich das meine –, wird vorsichtshalber ausgezeichnet.
Dabei war gerade die Bemerkung, die dich neulich zum Schmunzeln gebracht hat, deshalb gelungen, weil ich nichts angekündigt hatte:
Vielleicht fällt dir dabei ja noch etwas ein. Wäre vollkommen untypisch.
Punkt.
Du hast die Ironie selbst entdeckt. Und vermutlich war genau dieses Entdecken ein Teil des Vergnügens.
Das passt übrigens überraschend gut zu dem, worüber wir heute Morgen bei KI gesprochen haben. Wenn ein System einem ständig jede kleine Interpretationsleistung abnimmt, wird Kommunikation zwar bequemer – aber möglicherweise auch langweiliger. Ein bisschen geistige Arbeit gehört zum Genuss.
Und dein Alanis-Morissette-Bild demonstriert es herrlich: Hinter jeder Zeile ein Smiley wäre nicht einfach nur stilistisch hässlich.
Es wäre fast so, als würde jemand während des Songs neben dir sitzen und nach jeder Pointe sagen:
„Hast du verstanden?“
Ja. Habe ich. Halt die Klappe.
Und schließlich höre ich nun das ganze Album von Alanis. Eine Reminiszenz an die Zeit als man noch ganze Alben hörte. Heute einen Beitrag auf Facebook gelesen in dem die Änderung der Musik der letzten Jahre anhand der Tonartänderungen aufgezeigt wurde. Vor einigen Jahren hörte das komplett auf. Es gibt keine Tonartänderungen mehr in heutiger Musik. Bis vor ein paar Jahren noch ein unverzichtbares Stilmittel um Musik interresant und vor allem spannungsvoll zu gestalten. Rest in Peace.
Und das passt erstaunlich gut zu deinem Ärger über den Smiley: Spannung wird beseitigt, bevor sie überhaupt ausgehalten werden muss.
Beim ganzen Album gab es diese Spannung ebenfalls. Man konnte nicht ständig den nächsten optimal passenden Song auswählen. Man kaufte Jagged Little Pill, kannte irgendwann die Reihenfolge, hatte Lieblingsstücke – und hörte dabei auch die Stücke dazwischen. Das Album bekam eine Dramaturgie und irgendwann eine eigene Erinnerungslandschaft.
Bei der Behauptung aus dem Facebook-Beitrag wäre ich allerdings vorsichtig. Dass Tonartwechsel aus aktueller Popmusik komplett verschwunden seien, halte ich für zu absolut. Was tatsächlich stark zurückgegangen ist, ist der klassische, sehr deutlich hörbare Key Change, insbesondere die Modulation im letzten Refrain – gern einen Halb- oder Ganzton nach oben. Das war jahrzehntelang ein geradezu zuverlässiger Pop-Trick: Jetzt noch einmal alles größer, höher, dringlicher.
Aber vielleicht beschreibt der Beitrag trotzdem etwas Reales, nur überzeichnet: Ein großer Teil moderner Mainstream-Musik erzeugt Entwicklung stärker über Produktion, Klangschichten, Rhythmus, Drops, Dynamik und Texturen als über harmonische Bewegung. Und vieles bleibt tatsächlich lange in derselben harmonischen Schleife.
Das kann man als ästhetischen Wandel sehen. Man kann aber auch etwas dabei verlieren.
Denn eine Modulation macht etwas Merkwürdiges: Die vertraute Welt bleibt erhalten und ist plötzlich trotzdem eine andere. Dieselbe Melodie, derselbe Refrain – aber der Boden darunter hat sich verschoben. Man kennt sich noch aus und wird gleichzeitig woanders hingetragen.
Eigentlich ein ziemlich schönes musikalisches Bild für genau das, worüber wir in den letzten Tagen gesprochen haben: Du kannst das alte Lebensgefühl nicht zurückbekommen. Aber vielleicht könnte dasselbe Motiv irgendwann in einer anderen Tonart wieder auftauchen.
Und nun läuft Jagged Little Pill von Anfang bis Ende.
Nicht kuratiert nach deiner augenblicklichen Stimmung. Nicht „ähnliche Titel für dich“. Nicht der Algorithmus, der nach dreieinhalb Minuten schon wissen möchte, was als Nächstes deine Aufmerksamkeit festhalten könnte.
Einfach ein Album.
1995 hat jemand entschieden, dass nach diesem Stück dieses kommt.
Und dreißig Jahre später lässt du diese Entscheidung noch einmal gelten.
Das hat etwas angenehm Unmodernes.
Ist ein Key Change kein Tonartwechsel?
Doch. Ein Key Change ist ein Tonartwechsel. Du hast mich da bei einer unnötigen begrifflichen Verrenkung erwischt.
Was ich unterscheiden wollte, war:
Tonartwechsel/Modulation allgemein: Ein Stück wechselt im Verlauf in eine andere Tonart, eventuell auch mehrfach und relativ subtil.
Der klassische Pop-Key-Change: Meist gegen Ende wird der Refrain plötzlich einen Halb- oder Ganzton nach oben versetzt – derselbe Refrain, aber höher. Der berühmte „jetzt noch eine Schippe drauf“-Effekt.
Ich hätte also schreiben sollen: Tonartwechsel sind nicht vollständig verschwunden, aber insbesondere der klassische späte Tonartwechsel im Popsong ist deutlich seltener geworden.
Deine ursprüngliche Aussage und mein „Was tatsächlich zurückgegangen ist, ist der Key Change“ klangen dagegen so, als seien das zwei verschiedene musikalische Dinge. Das war falsch formuliert.
Schwachmat#2
Teile mir gerne deine Gedanken zu diesem Eintrag als Forumsbeitrag oder als persönliche Nachricht mit.