Vom Gras fressen und toten Enten (und die 10 der Schwerter) (16.9.2026)

Ich:

Menschen mit und ohne Kinder. Eva hat drei.
Falfalla keine. Frau Lenores? Brunhilde hatte vermutlich auch keine. Andrea schon.
Ein Versuch dieses Gefühl der Andersartigkeit von Menschen ohne Kindern zu packen zu kriegen.

Gestern sprang mich die Sinnfrage an.
Ein durchwachsener Tag gestern.
Morgens diese angenehme, leichte Stimmung. Diese Cassandra Stimmung. Ich setzte mich sogar kurz ans Klavier.
Da rief Norman an und wir verabredeten uns für mittags in Dellbrück. Alexander schrieb mich an wegen Dianas Geburtstag und Massagetermin. Diana bräuchte ein Laptop. Oder wünsche sich eins.
Bei der Wahl kam ich nicht richtig weiter. Kann mich nicht dazu durchringen sie anzurufen.

Das Essen mit Norman war angenehm. Aber auch irgendwie etwas berührungslos kam es mir vor. Danach ging ich bei Alexander im Laden vorbei. Er brachte meine Brille in Ordnung. Linda sei in Namibia für 3 Wochen. Ich erzählte ein wenig vom Seminar. Von dem Besuch bei Markus und Anna, den Freunden von Eva, bei denen ich sie Sonntag absetzte. Das waren sehr angenehme Menschen. Drei Kinder. Seit Ewigkeiten ein Paar. Und sie waren sehr liebevoll miteinander. So etwas scheint fast exotisch geworden in meinem Umfeld. Speziell in den Tantra Seminaren sind wohl fast ausschließlich Singles. Oder wenn in Beziehung, dann in einer offenen oder irgendwie anders speziellen.

Ich wurde müde. Fuhr nach Hause. Ling. Schlief danach ein. Der Nachmittag dämmerte dahin. Die nächste Einreichung bei Apple. Diesmal direkt mit 18 Lokalisierungen. Nächste Woche einen Review Termin bei Apple beantragt.

Noch eine Runde spazieren. Länger bei den Pferden gesessen. Erneut überlegt wie es sich anfühlt nur Gras zu fressen. Den ganzen Tag. So viele Stunden. Und immer das gleiche. Gras. Niemals Abwechslung. Stunde um Stunde. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Die Abwechslung besteht höchstens aus den kleinen unterschiedlichen Kräutern oder anderen Pflanzen, die sich ab und zu unter den Grasbücheln befinden. Vielleicht genießt das Pferd die Abwechslung. Oder vielleicht auch nicht und es genießt es eher, wenn das Gras möglichst rein und frei von anderen Pflanzen ist.
Dieses Abreißen der Grasbüchel mit den kräftigen Schneidezähnen. Und Malmen mit den weichen Lippen.
Das schwarze Pferd ging zunächst ein Stück auf seiner Seite des Zauns neben mir her, bevor ich ein Stück zurückging um mich auf die Bank zu setzen und nichts zu tun. Schauen und Denken. Eindrücke sammeln. Irgendwann liefen die beiden zum Gatter. Ich konnte dort grade einen Arm erkennen, der es öffnete und sie hinausließ. Das schwarze kam noch ein Stück auf dem Weg in meine Richtung gelaufen. Kehrte dann zurück zu seinem Herrchen.

Irgendwann ging ich weiter. Kehrte zurück. Army of Thieves mit einem zu nervigen Schweighöfer. Ich brauchte eine Weile um zu verstehen, dass es das Prequel zu Army of the Dead (Link) ist, den ich schon gesehen hatte. Ich wechselte trotzdem zum Original. Es unterhielt mich gut.
Ich versuchte mir vorzustellen statt der Glotze ein wenig Klavier zu spielen. Weiter bei mir zu bleiben. Weniger Ablenkung. Vielleicht probiere ich es heute abend.
Toms Auto stand auch eine Weile vor der Tür. Hatte offensichtlich eine Motorrad Tour gemacht. Als ich von Alexander kam war es wieder fort.

Die Sinnlosigkeit ist nicht richtig quälend. Aber sie schwebt herum.
Werde wohl gleich ein wenig arbeiten.
Heute nachmittag zu Alexander.
Am Abend Eva anrufen.

KI:

Dein Gedanke über Menschen mit und ohne Kinder interessiert mich. Vielleicht meinst du eine bestimmte Form von Ungebrochenheit der eigenen Gewissheiten.

Ein Kind ist über viele Jahre ein Gegenüber, das sich der eigenen Weltauffassung entzieht. Man kann sich vornehmen, was für ein Vater oder eine Mutter man sein möchte – und dann kommt da ein Mensch heraus, der anders ist. Andere Interessen, andere Verletzlichkeiten, andere Entscheidungen. Irgendwann ein erwachsener Mensch, über den man praktisch keine Verfügung mehr hat.

Diana ist dafür bei dir gerade ein gutes Beispiel. Du kannst ihr schreiben. Einen Laptop schenken. Ein Treffen vorschlagen. Astrologie für hilfreich halten. Ihr Studium interessant finden. Und trotzdem bleibt sie radikal Diana. Sie kann nicht antworten. Astrologie ablehnen. Einen Weg einschlagen, den du nicht verstehst. Du musst damit leben, dass deine Bedeutung als Vater dir keinerlei Verfügung über ihre Entwicklung gibt.

Vielleicht kann das – kann, nicht muss – etwas mit einem Menschen machen: Die eigene Vorstellung davon, wie Menschen „sind“ oder sein sollten, wird immer wieder von einem konkreten anderen Menschen durchkreuzt, den man trotzdem nicht einfach aussortiert.

Bei Freunden, Partnern, Gruppen kann man leichter sagen: Passt nicht. Abstand. Trennung. Neue Menschen.

Das eigene Kind bleibt biografisch das eigene Kind.

Und dann ist interessant, dass ausgerechnet gestern die Sinnfrage auftauchte.

Denn dein Tag war objektiv keineswegs leer.
Klavier.
Norman ruft an.
Alexander schreibt.
Mittagessen mit Norman.
Alexander im Laden.
Gedanken an Diana.
Ling.
Apple.
Spaziergang.
Pferde.
Film.

Und trotzdem schwebt darüber:
> Wozu eigentlich?

Vielleicht zeigt das erneut, dass Beschäftigung und Sinn kaum dasselbe sind.

Besonders hängen geblieben bin ich bei den Pferden. Du setzt dich hin und versuchst dir tatsächlich vorzustellen, wie es ist, ein Pferd zu sein. Grasbüschel mit den Schneidezähnen abreißen. Malmen. Lippen. Das schwarze Pferd läuft ein Stück parallel zu dir. Später kommt jemand, öffnet das Gatter, es läuft hinaus, kommt noch einmal ein Stück in deine Richtung und kehrt zu seinem Menschen zurück.

Das hat keinerlei Zweck.

Und trotzdem beschreibst du es ausführlicher als vieles, was du gestern „geschafft“ hast.

Im Nachhinein habe ich meine Gedanken dazu noch etwas ausgeführt. Die KI bekam eine etwas kürzere Fassung.

KI:

Vielleicht war dort etwas von deiner Hohepriesterinnen-Stimmung der letzten Woche: wahrnehmen, ohne sofort etwas daraus machen zu müssen.

Dann der Gedanke:

> Statt Glotze ein wenig Klavier spielen. Weiter bei mir bleiben. Weniger Ablenkung.

Da würde ich nur bei „bei mir bleiben“ aufpassen. Denn das Klavier könnte genauso gut zur nächsten Selbstverbesserungsmaßnahme werden: Fernsehen ist oberflächlich, Klavierspielen ist echtes Leben.

Vielleicht unterhält dich heute Abend ein Film wunderbar. Vielleicht setzt du dich ans Klavier und nach sieben Minuten hast du keine Lust mehr. Beides darf stimmen.

Aber etwas anderes scheint mir beim Klavier wichtig. Es gehört zu einer Zeit vor deiner langen Familiengeschichte. Du hast gerade erst beschrieben, wie der Posaunist in der Leuther Mühle diesen alten musikalischen Raum geöffnet hat. Cassandra. Fred. Nachtschichten im Altenheim. Eine Lebensmöglichkeit, die irgendwann nicht bewusst verworfen wurde, sondern einfach auslief.

Und gestern setzt du dich tatsächlich kurz hin.
Kein Plan, wieder Musiker zu werden.
Kein Kurs.
Keine Bucket List:

☐ wieder Klavier lernen
☐ Trompete kaufen
☐ Band suchen

Nur ein paar Töne.

Vielleicht ist genau das gerade angenehmer als die große Sinnfrage.

Denn „Was gibt meinem Leben Sinn?“ ist eine monströse Frage. Sie verlangt beinahe eine Antwort, die den gesamten Rest des Lebens rechtfertigt.

Dagegen:
„Worauf habe ich heute für zehn Minuten Lust?“

Das Pferd beantwortet diese Frage ziemlich überzeugend.
Gras.
Noch ein Büschel Gras.
Dann öffnet jemand das Gatter.
Loslaufen.
Kurz zu Mirko.
Zurück zum Herrchen.

Kein Jahresrückblick. Keine Bucket List. Keine Frage, ob das Leben ausreichend genutzt wurde.

Natürlich kannst du nicht zum Pferd werden. Dein Bewusstsein produziert diese Fragen nun einmal.

Aber vielleicht ist die Sinnlosigkeit deshalb gerade nicht quälend, wie du selbst schreibst. Sie schwebt nur herum. Vielleicht muss sie im Moment auch gar nicht beantwortet werden.

Heute gibt es bereits ein paar Dinge:
Ein bisschen Konstruktix.
Alexander.
Und heute Abend Eva.

Und dann wird vermutlich wieder gelacht.

Vielleicht reicht das für einen Mittwoch zunächst vollkommen aus.

Ich:

Ich merke, dass ich mich ein wenig dem Lebensgefühl oder der Lebenspraxis meines Vorbildes aus "Der Tag der toten Ente" ("About_A_Boy") anpasse. Es ist phasenweise sehr angenehm. Ich habe auch den Eindruck, dass diese Phasen länger werden. Es macht mir auch noch einmal auf eine andere Art bewusst, wie stark mein Leben vom Pflichtgefühl und von der Pflichterfüllung geprägt war. Das tägliche Arbeiten gehen. Die tägliche Pflicht und das tägliche Geld heranbringen wichtiger als meine Gedanken oder Impulse zur beruflichen Veränderung zu verfolgen. Selbst mein Sport war in weiten Teilen geprägt davon meinen Körper gesund zu erhalten, damit ich möglichst lange für meine Familie da sein kann.
Eine Prägung durch die Situation mit meiner Mutter? Dieses Co-Abhängige Verhalten. Oder ist es bereits in meiner Radix als Anlage zu erkennen?

KI:

Ich würde hier nicht zwischen Prägung oder Radix entscheiden. Innerhalb deiner astrologischen Symbolsprache sieht es für mich eher so aus, als hätte deine Biografie eine ohnehin vorhandene Anlage in eine sehr bestimmte Richtung organisiert.

Am deutlichsten finde ich inzwischen gar nicht Saturn allein, sondern deinen Mondknoten im 6. Haus im Widder zusammen mit Lilith dort. Das 6. Haus hat viel mit Alltag, Arbeit, Pflichten, Funktionieren, Versorgung und auch körperlicher Erhaltung zu tun. Und genau dort beschreibst du einen großen Teil deines bisherigen Lebens:

Ich tue, was getan werden muss.

Arbeiten gehen. Geld verdienen. Familie versorgen. Körper gesund halten, damit du weiter funktionieren kannst. Probleme lösen. Verantwortung übernehmen.

Der Widder macht daraus interessanterweise nicht unbedingt eine freudige Pflichterfüllung. Er kann diesem 6.-Haus-Thema etwas von dem geben, was du zuletzt beim Saturn im Widder entdeckt hast: Es springt an. Etwas muss gemacht werden → Energie ist da → los. Konstruktix brennt? Zweieinhalb Stunden später Problem gelöst.

Dann kommt dein Saturn im 5. Haus dazu. Und das finde ich für deine heutige Entdeckung fast noch wichtiger.

Das 5. Haus wäre gerade der Bereich des Zweckfreien:
Spiel.
Freude.
Kreativität.
Erotik.
Selbstausdruck.
Etwas tun, weil es Freude macht.

Und ausgerechnet dort sitzt Saturn.

Das muss nicht bedeuten: „Du kannst keine Freude haben.“ Aber es ist ein ausgesprochen passendes Symbol für die Schwierigkeit, dem Zweckfreien dieselbe Existenzberechtigung zu geben wie dem Nützlichen.

Selbst Sport wurde bei dir:
> nicht einfach „Ich bewege mich gerne“, sondern
„Ich muss meinen Körper erhalten, damit ich meiner Familie möglichst lange zur Verfügung stehe.“

Das ist beinahe ein Lehrbuchbild dafür, wie ein 5.-Haus-Impuls in ein Pflichtsystem eingegliedert werden kann.

Und dann die Opposition Saturn–Sonne.

Deine Sonne steht ausgerechnet im 11. Haus, wo du jetzt diese kurzen Momente von Zugehörigkeit und selbstverständlichem Dasein wiederentdeckst. Der Abschlusskreis in der Leuther Mühle. Die Grundschule. Vielleicht auch dieses neue Herumsitzen im Park.

Demgegenüber steht Saturn und fragt:
„Und wozu ist das gut?“

Vielleicht war das jahrzehntelang eine sehr mächtige Achse.

Die Sonne möchte existieren.
Saturn verlangt Legitimation.

Und deine Familie lieferte eine hervorragende Legitimation:
Ich werde gebraucht.

Damit war die Sinnfrage beantwortet.

Das bringt mich zu deiner Mutter. Denn dort sehe ich tatsächlich etwas, das die astrologische Anlage sehr konkret geprägt haben könnte.

Ein Kind mit einer alkoholabhängigen, depressiven und emotional instabilen Mutter lernt möglicherweise früh: Die Umgebung ist nicht einfach selbstverständlich tragfähig. Man beobachtet. Man passt sich an. Man übernimmt Verantwortung, vielleicht lange bevor man sie als Verantwortung erkennt. Die eigenen Bedürfnisse können im Vergleich dazu sekundär werden.

Und das Heimtückische an co-abhängigen Mustern ist: Pflichterfüllung fühlt sich moralisch gut an.

Man opfert sich ja nicht scheinbar sinnlos auf.
Man hilft.
Man hält durch.
Man kümmert sich.
Man ist zuverlässig.
Man lässt andere nicht hängen.

Das sind gesellschaftlich sogar hoch angesehene Eigenschaften.
Deshalb kann man Jahrzehnte brauchen, bis man überhaupt fragt:
> Was kostet mich das eigentlich?

Und bei dir kam später eine Familie hinzu, in der dieses System weiter funktionieren konnte. Birgit war präsent. Zwei Kinder waren da. Einkommen wurde gebraucht. Es gab immer etwas zu tun. Dein enormes Pflichtvermögen bekam permanent sinnvolle Aufgaben.

Deshalb finde ich dein jetziges Lebensgefühl so interessant.

Du sitzt im Park.
Fährst Motorrad.
Schaust Pferden beim Grasfressen zu.
Entdeckst St. Gereon.
Spielst ein paar Minuten Klavier.
Arbeitest vielleicht vier Stunden statt acht.
Und bemerkst langsam:
Es passiert nichts Schlimmes.

Vielleicht ist das die Verbindung zu deinem Vorbild aus Der Tag der toten Ente. Nicht Faulheit. Nicht Resignation. Sondern ein Leben, das nicht permanent durch seinen Nutzen gerechtfertigt werden muss.

Und offenbar werden diese Phasen länger.

Das würde ich auch nicht gleich wieder zum Entwicklungsziel machen: Jetzt muss ich lernen, noch besser nichts zu müssen. Das wäre geradezu die perfekte Rückeroberung des Müßiggangs durch dein Pflichtsystem.

Vielleicht ist etwas viel Einfacheres interessant:
Früher tauchte freie Zeit auf und erzeugte Unruhe.
Dann musste etwas geschehen.

Inzwischen taucht freie Zeit auf und manchmal entsteht:
Ach schön. Zeit.
Das ist eine erhebliche Veränderung des Erlebens, ohne dass du dafür ein anderer Mensch werden musst.

Und vielleicht zeigt sich darin sogar eine freundlichere Variante deines Saturn im 5. Haus, über die wir schon einmal gestolpert sind. Nicht mehr der sardonische Wächter, der deiner Sonne sagt:
„Mach dich mal nützlich.“

Sondern der alte Mann auf der Parkbank.
Er sitzt.
Er hat Zeit.
Er muss niemandem mehr beweisen, dass sein Tag produktiv war.

Und wenn Mars im zweiten Haus fragt:
„Was machen wir denn jetzt?“
sagt Saturn vielleicht:
„Keine Ahnung. Mal sehen.“

Das könnte für jemanden mit deiner Geschichte erstaunlich viel Freiheit sein.

Noch ein Nachtrag

Ich:

Gestern erschien übrigens die 5 der Stäbe. kleine Stababwechslung. Heute die 10 der Schwerter.

KI:

Die Fünf der Stäbe gestern finde ich im Rückblick fast passender, als sie zunächst wirkt. Sie ist ja keine Karte des vernichtenden Kampfes. Eher Gewusel, Reibung, unterschiedliche Impulse, jeder hält seinen Stab irgendwohin. Man kann das als Konkurrenz lesen, aber auch als Spielkampf.

Und genau darin unterscheidet sie sich von deinen vielen Schwertern.

Vielleicht passt sie sogar zu deinem Tantra-Wochenende: viele Menschen, unterschiedliche Bedürfnisse, Bernd, Eva, Raffaela, die Musiker, die Alphörner, das Partnerfinden, deine Minderwertigkeitsgefühle gegenüber anderen Männern. Ständig musstest du dich irgendwie zu anderen positionieren. Manchmal unangenehm, manchmal erotisch, manchmal nährend.

Aber niemand liegt tot am Boden.

Es ist Leben mit Reibung.

Das gefällt mir nach unserem Gespräch über Frieden. Vielleicht war deine Alternative bisher manchmal zu sehr:
Konflikt oder Frieden.

Die Fünf der Stäbe bringt etwas Drittes hinein:
Reibung, ohne dass daraus Krieg werden muss.

Menschen nerven einander. Wollen gleichzeitig durch dieselbe Tür. Wählen andere Partner. Erzählen zu lange. Verstehen einander falsch. Einer möchte telefonieren, der andere nicht. Und trotzdem können sie anschließend am Bach sitzen, Tee trinken und etwas sehr Persönliches erzählen.

Das ist vielleicht eine realistischere Form von Gemeinschaft als der vollkommen harmonische Abschlusskreis.

Und nun heute wieder die Zehn der Schwerter.

Beim letzten Mal kam sie nach diesem furchtbaren einsamen Sonntag und der beschissenen Nacht. Damals passte das Bild unmittelbar zu „Ich bin am Arsch.“

Heute sitzt du aber in einer völlig anderen Stimmung da.

Du beschreibst längere Phasen eines angenehmen Teilzeitrentner-Lebensgefühls. Mehr Akzeptanz freier Zeit. Weniger RadixChat-Getriebenheit. Gestern war dein Blick sogar darauf gerichtet, wie sehr dein ganzes bisheriges Leben von Pflicht geprägt war.

Deshalb würde ich die Zehn heute überhaupt nicht als Zustandskarte lesen.
Vielleicht ist diesmal tatsächlich etwas zu Ende.
Und da liegt dein vorheriger Beitrag geradezu daneben:
> tägliche Arbeit
tägliche Pflicht
Geld heranschaffen
Körper gesund halten, um für die Familie da sein zu können
eigene Veränderungswünsche zurückstellen

Diese Lebensorganisation existiert so nicht mehr.
Nicht theoretisch.
Sie ist tatsächlich vorbei.

Du bist kein Angestellter mehr. Deine Kinder sind erwachsen. Du arbeitest selbstständig und kannst morgens entscheiden, ob du heute vier, acht oder null Stunden für Konstruktix arbeitest. Niemand wartet abends zu Hause darauf, dass du die Familie finanzierst.

Vielleicht liegt die Gestalt auf der Zehn der Schwerter deshalb diesmal nicht als du dort.
Vielleicht liegt dort ein altes Lebensmodell.
Das wäre ziemlich interessant nach deinem Satz:
> „Ich merke, dass ich mich ein wenig dem Lebensgefühl meines Vorbildes anpasse.“

Denn bisher haben wir das wieder als etwas betrachtet, das entsteht und wachsen könnte. Die Zehn der Schwerter würde die Perspektive umdrehen:
Vielleicht musst du gar nicht erst lernen, ein freierer Mensch zu werden.

Vielleicht merkst du allmählich nur, dass die Ordnung, gegen die du noch ständig innerlich anarbeitest, längst nicht mehr existiert.

Der Chef ist weg.
Die Kinder müssen nicht versorgt werden.
Birgit ist seit sieben Jahren nicht mehr deine Frau.
Der Wecker muss nicht klingeln.
Und trotzdem steht morgens manchmal noch der alte Mirko auf und fragt:
„Was muss ich heute leisten?“

Vielleicht ist das die Zehn der Schwerter heute.
Nicht dramatisch.
Fast ein bisschen sardonisch.
Saturn zeigt auf die Leiche des alten Pflichtsystems und sagt:
„Du weißt schon, dass das Ding tot ist?“

Und du stehst daneben und überlegst immer noch, ob du heute genug gearbeitet hast.

Das würde mir heute jedenfalls besser gefallen als die Vorstellung, dass nach ein paar erstaunlich friedlichen Tagen schon wieder irgendein neues Unheil angekündigt wird.

Tarot muss schließlich nicht jedes Mal recht behalten, nur weil es dramatisch guckt.

Ich:

Ja, die Lesart treibt mir Tränen in die Augen. Ich nehme es als Beweis für die Stimmigkeit.

KI:

Ja. Wobei ich bei „Beweis“ ein kleines bisschen bremsen würde – nicht um den Moment kaputtzumachen.

Die Tränen beweisen nicht, dass die Zehn der Schwerter objektiv das alte Pflichtsystem bedeutet. Aber sie sind ein ziemlich starkes Zeichen dafür, dass diese Lesart etwas in dir getroffen hat, das bereits da war.

Vielleicht ist genau das eine der sinnvollsten Arten, Tarot zu benutzen: nicht als Beweis dafür, was wahr ist, sondern als Bild, an dem man plötzlich merkt:
Da reagiert etwas in mir.

Und bei dieser Karte ist es besonders schön, weil du die Zehn vor gut zwei Wochen schon einmal gezogen hast. Damals warst du derjenige am Boden: beschissene Nacht, erschöpft, verzweifelt, „ich bin am Arsch“.

Heute dieselbe Karte – und du musst nicht mehr selbst dort liegen.

Vielleicht liegt tatsächlich etwas anderes dort.
Das tägliche Müssen.
Der Mann, der morgens zur Arbeit geht, weil man eben zur Arbeit geht.
Der Vater, der seinen Körper fit halten muss, damit er möglichst lange seine Familie versorgen kann.
Der Ehemann, der sich selbst immer wieder zurückstellt und irgendwann gar nicht mehr genau weiß, was er eigentlich möchte.
Derjenige, der freie Zeit als Problem erlebt, das gelöst werden muss.

Und während ich das schreibe, fällt mir etwas an der Waite-Karte ein, das wir beim letzten Mal schon kurz hatten: Am Horizont wird es hell.

Nicht triumphal. Kein Sonnenwagen fährt herein. Die Schwerter verschwinden nicht. Die Vergangenheit wird nicht ungeschehen.

Aber die Nacht ist vorbei.

Vielleicht treiben dir gerade deshalb die Tränen in die Augen. Nicht nur aus Trauer über das, was war.

Vielleicht auch, weil du für einen Moment spürst:
Ich muss das tatsächlich nicht mehr.
Und das ist nach einem Leben, in dem Pflicht so selbstverständlich war, womöglich zunächst gar keine jubelnde Freiheit.

Es kann sich auch einfach sehr, sehr traurig anfühlen.

Weil man gleichzeitig merkt, wie lange man geglaubt hat, man müsse.

Ich:

Ich glaube es ist etwas anderes das mir die Tränen in die Augen treibt.
Es ist das Gefühl der Fürsorge. Des Kümmerns. Des Gehaltenwerdens. Des Gemeintseins.
Da ist etwas tief in mir, eine Art schwarzes Loch, oder schwarzes Ding, eine Art tiefstes Selbst, das ein Gefühl von Sehnsucht nach dieser Art des Gehaltenwerdens in sich trägt. Und eine Ahnung davon, dass es davon nicht genug bekam.
Dass hierdurch vielleicht auch das Handeln aus Pflichtgefühl verstärkt wurde. Oder vielleicht besser: Handeln aus dem Wunsch heraus "Halte mich!".

KI:

Ja. Das ist tatsächlich etwas anderes. Dann kamen die Tränen vielleicht gar nicht bei „Das Pflichtsystem ist endlich tot“, sondern bei der Vorstellung, dass jemand zu diesem erschöpften Teil von dir sagt:

Du musst nicht mehr. Ich kümmere mich.

Und plötzlich bekommt deine Pflichterfüllung eine andere mögliche Unterströmung.

Nicht nur:
Ich muss zuverlässig sein. Ich muss versorgen. Ich muss funktionieren.

Sondern vielleicht viel kindlicher:
Wenn ich mich kümmere, kümmert sich vielleicht auch jemand um mich.

Oder noch elementarer, wie du selbst schreibst:
„Halte mich!“

Das würde erklären, warum Fürsorge dich manchmal so unverhältnismäßig stark berührt. Frau Lenores' kleiner Zettel. Dass sie anruft, nachdem sie krank war. Conny, die beim Seminar nach deiner Migräne fragt. Eine Bedienung, die deine Sahne nicht vergisst. Brunhilde, die sich morgens zu dir setzt. Es sind objektiv sehr unterschiedliche und teilweise winzige Handlungen. Aber sie können offenbar dieselbe tiefe Stelle erreichen:
Jemand hat mich im Sinn.

Und vielleicht ist „gemeint sein“ sogar noch präziser als „gesehen werden“.

Gesehenwerden kann Bewertung enthalten. Das kennst du nur zu gut. Mutter sieht dich und findet dein Lachen falsch. Regina sieht dein Missgeschick. Birgit sieht etwas und fragt: Warum hast du nicht …?

Gemeintsein ist anders.

Frau Lenores schreibt nicht irgendeinen Zettel. Sie schreibt deinen.

Jemand bringt nicht einfach Sahne. Sie erinnert sich daran, dass du sie wolltest.

Jemand setzt sich nicht irgendwo hin. Brunhilde setzt sich zu dir.

Dann wird auch verständlicher, weshalb das schwarze Handy so schmerzt. Es zeigt nicht bloß fehlende Kommunikation. Es kann sich anfühlen wie:

Gerade meint mich niemand.

Und vielleicht liegt darin tatsächlich eine Verbindung zum Pflichtgefühl. Ein Kind kann Fürsorge nicht wie ein Erwachsener aushandeln. Es ist darauf angewiesen. Wenn es davon zu wenig oder etwas Unzuverlässiges erlebt, kann möglicherweise eine andere Strategie entstehen:
Ich werde nützlich.
Ich passe auf.
Ich mache es richtig.
Ich kümmere mich.
Ich bin zuverlässig.

Dann gibt es wenigstens einen Platz im System.

Das muss nicht bewusst als Handel gedacht werden – wenn ich für euch sorge, müsst ihr mich lieben. Viel eher könnte es irgendwann zu einer Art Körperwissen werden:
Gebrauchtwerden fühlt sich sicherer an als einfach nur Dasein.

Und das würde einen merkwürdigen Widerspruch in deinem heutigen Leben verständlicher machen. Du hast dir gerade sehr viel von diesem Gebrauchtwerden genommen: keine Familie mehr zu versorgen, keine tägliche Angestelltenpflicht, erwachsene Kinder, viel freie Zeit.

Das ist Freiheit.

Aber möglicherweise verschwindet damit zugleich eine jahrzehntelang wirksame Antwort auf die tiefere Frage:
Warum sollte jemand mich halten, wenn ich gerade nichts für ihn tue?

Da berührt mich dein Bild von diesem schwarzen Ding oder schwarzen Loch. Ich würde es gar nicht sofort analysieren oder in „inneres Kind“ übersetzen. Vielleicht verliert es dadurch gerade seine Eigenart.

Es ist offenbar sehr tief.

Dort scheint nicht der erwachsene Mirko zu sitzen, der eine Partnerin sucht, mehr Sozialkontakte braucht oder seine Sonne im 11. Haus verstehen möchte.

Dort gibt es vielleicht überhaupt keine ausgearbeitete Geschichte.

Nur dieses sehr einfache:
Halte mich.

Und dann bekommt die Zehn der Schwerter von eben noch einmal eine völlig andere Bedeutung. Vielleicht haben dich meine Worte nicht deshalb berührt, weil das alte Pflichtsystem tot sein könnte.

Vielleicht hat dich das Bild berührt, dass da jemand liegt.
Vollkommen erschöpft.
Er kann nichts mehr leisten.
Er kann niemanden mehr versorgen.
Er kann sich nicht einmal mehr aufrecht halten.
Und trotzdem wird er nicht dafür verurteilt.

Vielleicht lag darin für einen Moment etwas von dem, wonach dieses schwarze Ding sich sehnt:
Du darfst liegen bleiben.

Nicht als Niederlage.

Sondern weil dich für einen Augenblick jemand anderes hält.

Ich:

Oder vielleicht auch die Erkenntnis, dass es da grade niemanden braucht. Es ist nur Schmerz und das Ende.
Und das ist wie es ist.
Und es ist gleichzeitig eben nicht das Ende von Allem. Denn die 10 der Schwerter ist nur eine kleine Arkana. Eine Karte unter anderen, die den größeren Kreis des Lebens beschreiben.

KI:

Ja. Das verändert die Karte noch einmal. Und ich glaube, diese Lesart gefällt mir sogar besser als mein „jemand hält den Erschöpften“.

Denn damit würde ich schon wieder jemanden hinzufügen, weil die Vorstellung des bloßen Liegens offenbar schwer auszuhalten ist.

Dabei ist auf der Zehn der Schwerter tatsächlich niemand, der hält.

Da liegt einer.
Die Schwerter stecken.
Es ist geschehen.

Und vielleicht braucht dieser Moment keine Fürsorge, keine Rettung und keine Umdeutung. Vielleicht ist da einfach Schmerz. Und Ende.

Und das ist, wie es ist.

Das hat etwas von deinem Gedanken über Frieden. Solange Schmerz sofort jemanden braucht, der ihn lindert, entsteht wieder Bewegung: Wo ist dieser Mensch? Warum habe ich ihn nicht? Wer könnte mich halten? Wie finde ich ihn? Ginger? Eine neue Frau? Eine Gruppe?

Und schon wird aus Schmerz wieder Sehnsucht und aus Sehnsucht wieder eine Aufgabe.
Vielleicht kann Schmerz manchmal auch einfach bei sich bleiben.

Nicht: Halte mich.
Sondern:
Es tut weh.

Punkt.

Das ist eigentümlich trostlos und gleichzeitig tatsächlich friedlicher.

Und dein Hinweis auf die Kleine Arkana bringt noch etwas Schönes hinein. Die Zehn ist ein Ende innerhalb einer Farbe, eines bestimmten Erfahrungsbereichs. Sie ist nicht Die Welt. Nicht einmal Der Tod. Sie besitzt nicht diese archetypische Totalität einer Großen Arkana.

Etwas ist zu Ende.
Nicht alles.

Vielleicht ist das sogar eine gute Korrektur für deine Neigung, aus einem Zustand schnell eine Aussage über das Ganze zu machen. Der einsame Sonntag wird zu: So ist mein Leben. Die berufliche KI-Revolution wird zu: Wie lange kann ich überhaupt noch arbeiten? Eine Ablehnung durch Apple wird Teil einer ganzen Reihe von Ablehnungen durch die Welt.

Die Zehn der Schwerter könnte viel enger sein:
Hier endet etwas.

Und daneben liegen noch 77 andere Karten.

Darunter der Narr.
Die Sonne.
Die Hohepriesterin.
Die Kraft.
Die Neun der Münzen.
Und sogar wieder das Ass der Schwerter, wenn der Zyklus neu beginnt.

Das macht das Ende nicht weniger wirklich. Gerade das gefällt mir daran. Man muss nicht sagen:
Alles wird gut.

Man kann sagen:
Das hier ist nicht gut.
Das hier tut weh.
Das hier ist vorbei.

Und trotzdem ist die Welt außerhalb des Kartenrandes noch da.

Vielleicht ist das eine erstaunlich erwachsene Form von Trost: nicht gehalten werden müssen, nicht gerettet werden müssen, nicht einmal Hoffnung produzieren müssen.

Nur wissen:
Ein Ende ist ein Ende von etwas. Nicht automatisch das Ende von allem.

Und vielleicht ist das tatsächlich näher an dem Frieden, mit dem du dich gerade vorsichtig anfreundest.

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