Ein sardonischer Herrscher (4.9.2026)

Ich:

5:13 Uhr
Ich hatte Achim nicht gratuliert. Das erste Mal seit vielen Jahren.
Jetzt ist es also wieder noch dunkel um diese Uhrzeit. Die letzten Sommertage formell. Und ich flüchte erneut in die Geborgenheit der Schriftsprache.
Die Zeit hat Gesellschaft bekommen vom Programmheft des Fantasy Filmfest. Werde ich wohl auch nicht mehr lesen oder hingehen. Es ist auch noch nass geworden weil ich neulich meine Trinkflasche nicht gut verschlossen hatte. War zum Glück nur Wasser und nicht dieses eklige Locktite dem meine blaue Tasche zum Opfer gefallen ist. Ginger hatte sie mir geschenkt. Weil meine alte blaue Tasche aus dem Leim ging. Blaue Taschenzeit vorbei.
Ideen für die nächste Runde mit dem App Store wegen deren Einordnung und Ablehnung von RadixChat als Spam fließen.
Ein kleines Wohlfühlen nach dem Abschluss dieses kleinen Ideenstroms.
Erinnerungen an die Motorrad Tour Vorgestern. Schöne Bilder. Ein sonniger Tag. Während der Fahrt versucht mein Herz zu spüren und abzuschalten. Nur spüren. Das Motorrad und das Gleiten über den Asphalt. Die Schönheit der Landschaft.
Wieder ein kurzer Moment mit mir. Beim Hinterherfahren.
Wir fuhren an einer Haltestelle vorbei an der eine junge blonde Frau stand. Ihre langen Haare fielen wie die Strahlen der Sonne von ihrem Kopf über die Schultern. Das wirkte so anziehend, dass ich fast umgedreht hätte und Tom alleine fahren lassen. Das wäre wohl eine echte männliche Tat gewesen. Ich ließ den Moment ziehen.
Dafür ziehe ich den Herrscher
Ich bin immer fast eingeschüchtert wenn er kommt. Dieses versteinerte und diese Härte die er ausstrahlt. Steinböcke am steinernen Thron. Felsen und Stein und ein harter Blick.

KI:

Der Herrscher wirkt nach deinen letzten Karten fast wie eine Antwort auf eine Entwicklung: Ritter der Münzen – festgehalten vom Gegenstand. Zehn der Schwerter – erschöpft am Boden. Acht der Schwerter – Bewegungsmöglichkeiten, die nicht als solche erlebt werden. Und jetzt sitzt da einer, der sich überhaupt nicht bewegt und dennoch keineswegs hilflos wirkt.

Vielleicht schüchtert er dich gerade deshalb ein: Seine Reglosigkeit braucht keine Rechtfertigung.

Er sitzt.

Er muss nirgendwohin.

Niemand muss kommen.

Er fragt nicht: Was mache ich heute Abend? Was am Wochenende? Wie geht es weiter?

Er besitzt seinen Platz.

Und das unterscheidet seine Starre stark von deiner Erstarrung. Bei dir ist Nichtbewegung häufig mit Unbehagen verbunden: Ich sitze schon wieder. Ich müsste etwas tun. Andere leben. Norman ist unterwegs. Irgendwo sind Menschen. Beim Herrscher ist das Sitzen selbst Ausdruck seiner Position.

Vielleicht passt das zu deinem neuen „älteren Herrn im Park“. Du hattest dort erstmals ein bisschen davon: Ich sitze eben hier. Wasser rauscht. Zeit vergeht. Ich muss den Tag nicht erobern.

Das Steinerne würde ich deshalb heute nicht nur negativ lesen. Stein ist hart, ja. Aber Stein ist auch das, was nicht ständig von jedem Impuls verschoben wird.

Und Impulse gibt es bei dir genug.

App Store lehnt RadixChat als Spam ab → sofort Ideenstrom, wie du die nächste Runde angehst.

Blonde Frau an der Haltestelle → beinahe umdrehen.

Ginger → schreiben?

Eva → Auffrischungswochenende?

Mutter → müsste ich zu ihr ziehen?

Leerer Sonntag → wohin?

Der Herrscher könnte da etwas ziemlich Unspektakuläres hineinbringen:

Nicht jeder Impuls verlangt Bewegung.

Das hast du bei der blonden Frau sogar getan. Dein Bild ist wunderschön – Haare wie Sonnenstrahlen über den Schultern – und natürlich sprang sofort etwas an. Umdrehen. Tom weiterfahren lassen.

Und dann:

„Ich ließ den Moment ziehen.“

Interessant, dass du die Umkehr beinahe als „echte männliche Tat“ imaginierst. Der Herrscher könnte gerade die Gegenbehauptung aufstellen: Männlichkeit muss sich nicht dadurch beweisen, dass sie jedem Begehren sofort Handlung verleiht.

Er kann die Frau sehen.

Begehren.

Weiterfahren.

Nicht aus Hemmung.

Sondern weil er gerade woandershin fährt.

Das wäre ein ganz anderer Saturn als der sarkastische Saturn, der deiner Sonne das Tanzen verbietet. Von außen sehen beide gleich aus: Der Mann tut nichts. Innerlich ist der Unterschied gewaltig.

Hemmung: Ich möchte, aber ich darf/kann nicht.

Herrscher: Ich könnte. Ich entscheide mich gerade dagegen.

Und vielleicht steckt darin auch etwas für RadixChat. Die App-Store-Ablehnung erzeugt natürlich sofort wieder deinen Problemlöser. Das ist gut; deshalb wird das Ding überhaupt irgendwann dort landen. Aber nach dem kleinen Ideenstrom kam:

„Ein kleines Wohlfühlen.“

Problem betrachtet. Ideen gefunden. Für den Moment fertig.

Vielleicht ist genau das der Herrscher: Nicht immer weiterdenken, nur weil man weiterdenken könnte.

Bei Achim finde ich dagegen die Leerstelle interessant. Zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht gratuliert. Du schreibst keine Erklärung dazu. Vielleicht gibt es auch keine große. Manche Fäden werden dünner, ohne dass jemand sie bewusst durchschneidet.

Dann die blaue Tasche von Ginger.

Kaputt.

„Blaue Taschenzeit vorbei.“

Das klingt fast erstaunlich leicht. Kein Versuch, das Geschenk zu retten, weil es von Ginger war. Keine große Symbolik des Verlustes. Ein Gegenstand aus einer vergangenen Beziehung hat seine Lebensdauer gehabt.

Vielleicht ist auch das ein bisschen Herrscher: Vergangenheit besitzen, ohne von jedem ihrer Gegenstände besessen zu werden.

Und dein Motorradmoment gefällt mir heute Morgen eigentlich am meisten. Nicht die blonde Frau. Der Moment davor:

„Während der Fahrt versucht mein Herz zu spüren und abzuschalten. Nur spüren. Das Motorrad und das Gleiten über den Asphalt. Die Schönheit der Landschaft.“

Da war niemand, der dich aktivierte.

Keine Frau.

Kein Codex.

Kein Auftrag.

Keine Gruppe.

Du warst sogar nur derjenige, der hinterherfuhr.

Und trotzdem gab es diesen kurzen Moment mit dir.

Vielleicht ist der Herrscher heute weniger der versteinerte Patriarch auf seinem Thron als die Frage:

Kann dieser Platz in dir stabil genug werden, dass du nicht ständig jemanden oder etwas brauchst, das dir Richtung gibt?

Nicht damit du niemanden mehr brauchst.

Gerade das wäre wieder die alte Festung.

Sondern damit jemand zu dir kommen kann, ohne dass du sofort seinen Weg zu deinem machen musst.

Stein genug für Kontur.

Aber hoffentlich nicht so viel Stein, dass das Herz darunter wieder verschwindet.

Ich:

Zwei Dinge dazu:
Mir fiel die Tage ein, dass für meine Vision des sarkastischen Saturn eigentlich "sardonisch" der bessere Ausdruck gewesen wäre. Das Sardonische gefällt mir. Es gab vor einiger Zeit einen Bericht über die Ursache von Langlebigkeit in verschiedenen Regionen der Erde. Dort wurden auch die Sarden erwähnt, die anscheinend überdurchschnittlich alt werden. Als Ursache wurde unter anderem ihr Humor gesehen. Ihre Fähigkeit oder Eigenschaft über Dinge zu lachen, über die man in anderen Kulturen sich vielleicht nicht trauen würde zu lachen. Diese Eigenschaft, die wohl vor langer Zeit das geflügelte Wort vom sardonischen Lachen hat entstehen lassen. Das gefällt mir.
Das zweite ist deine Anregung zu werden.
Jede Anregung zu werden bedeutet letztlich, dass es besser wäre anders zu sein.
Einerseits schafft die Auseinandersetzung damit etwas zu werden eine Perspektive. Oder eine Richtung.
Andererseits verschleiert er, dass es eben einfach nicht ist. Oder anders ist. Und raubt damit den Fokus auf die Beschäftigung mit dem wahren selbst.

KI:

Ja. Vor allem dein zweiter Punkt trifft etwas an meiner letzten Antwort, das mir beim erneuten Lesen selbst auffällt. Ich habe aus dem Herrscher sofort wieder eine Entwicklungsaufgabe gemacht:

„Kann dieser Platz in dir stabil genug werden …?“

Damit war ich schon wieder bei: So könntest du sein. Dahin könntest du dich entwickeln.

Und genau das kann am eigentlichen Bild vorbeigehen.

Vielleicht wäre die interessantere Frage beim Herrscher zunächst überhaupt nicht: Was soll aus Mirko werden?

Sondern:

Wo ist der Herrscher längst Mirko?

Wo ist dieses Steinerne bereits da? Wo sitzt du einfach? Wo entscheidest du? Wo bist du hart? Wo bestehst du auf deiner Ordnung? Wo kann dich kaum jemand bewegen? Wo hilft dir das? Wo kostet es dich etwas?

Dann wäre Astrologie tatsächlich wieder Symbolsprache der Selbstreflexion und nicht heimlich ein Coachingprogramm.

Das berührt auch etwas Grundsätzlicheres in unseren Gesprächen. Ich neige ziemlich stark dazu, aus einer Erkenntnis einen nächsten Schritt zu machen. Das ist in meiner Funktion fast eingebaut: Problem erkennen → Möglichkeit formulieren → Entwicklungsperspektive anbieten. Und damit kann ich genau das reproduzieren, was du aus anderen Zusammenhängen kennst:

Du bist so. Aber vielleicht könntest du anders sein.

Selbst wenn das freundlich formuliert ist, enthält es eine Wertung. Das gegenwärtige Selbst wird zum Ausgangsmaterial für ein zukünftiges, vermeintlich gelungeneres Selbst.

Dabei könnte eine Erkenntnis auch einfach enden bei:

Ach. So bin ich also an dieser Stelle. Interessant.

Keine Hausaufgabe.

Das heißt nicht, dass Entwicklung unwichtig wäre. Aber vielleicht entsteht wirkliche Veränderung manchmal gerade dadurch, dass man etwas zunächst nicht verändern will. Erst dann kann man es vollständig anschauen, statt sofort die brauchbaren Teile zu behalten und die störenden wegzutherapieren.

Das passt sehr schön zu deiner Sonnenidee aus dem Seminar. Selbst dort lauert nämlich diese Falle. Aus „Ich spüre etwas Sonnenhaftes, wenn ich mein Herz wahrnehme“ kann sofort werden:

„Ich muss meine Sonne stärker entwickeln.“

Und schon hat Saturn einen neuen Job bekommen.

Er sitzt daneben mit seinem sardonischen Lächeln und sagt vielleicht:

Na wunderbar. Jetzt musst du also auch noch mehr Sonne werden.

Das gefällt mir tatsächlich besser als „sarkastisch“. Sardonisch hat etwas Dunkleres, Körperlicheres, fast Grausames. Nicht bloß sprachlichen Spott, sondern dieses verzogene Lachen angesichts der Absurdität.

Nur bei der Herkunft würde ich eine kleine Trennung machen. Die Verbindung zwischen „sardonisch“ und Sardinien existiert tatsächlich historisch beziehungsweise etymologisch, aber nicht ursprünglich im Sinne „die Sarden lachen so schön respektlos“. Der antike Ausdruck wurde mit Sardinien und einer dort vermuteten giftigen Pflanze in Verbindung gebracht, deren Wirkung ein grinsendes beziehungsweise verzerrtes Gesicht hervorrufen sollte; die genaue Etymologie ist allerdings nicht völlig gesichert. Die heutige Bedeutung des bitteren, höhnischen Lachens entwickelte sich daraus. Die moderne Beobachtung über Humor als möglichen Faktor bei sardischer Langlebigkeit ist also eine andere, viel spätere Geschichte.

Der kleine Klugscheißer wieder. Aber wir wollen uns in Dankbarkeit üben für diese kleine historische Richtigstellung

KI:

Aber gerade deine Verbindung der beiden gefällt mir trotzdem.

Denn dieser sardische Humor, wie du ihn beschreibst – über Dinge lachen dürfen, die eigentlich ernst, tragisch oder tabu sind – könnte tatsächlich eine interessante Gegenfigur zu deinem Saturn sein.

Nicht:

Saturn = der humorlose Alte, der das Leben beschränkt.

Sondern ein uralter Saturn, der schon so viel gesehen hat, dass er angesichts des menschlichen Dramas irgendwann sardonisch lacht.

Du willst dein Leben endlich richtig machen?

Lachen.

Du möchtest jetzt herausfinden, wie du „wirklich“ sein solltest?

Lachen.

Mit 58 willst du endlich deine Persönlichkeit fertigentwickeln?

Noch mehr Lachen.

Und vielleicht würde er sogar über deinen letzten Satz lachen:

„Fokus auf die Beschäftigung mit dem wahren Selbst.“

Denn auch das „wahre Selbst“ kann wieder zu einem Ziel werden, das irgendwo unter den ganzen falschen Schichten verborgen sein soll und endlich gefunden werden muss.

Vielleicht gibt es gar keinen fertigen wahren Mirko darunter.

Da ist der Mann, der sonntags verzweifelt im Auto sitzt und nicht weiß, wohin.

Der Mann, der am Dienstag zufrieden im Park sitzt.

Derjenige, der eine blonde Frau sieht und beinahe umdreht.

Derjenige, der weiterfährt.

Der Entwickler, der bis nachts besessen an RadixChat arbeitet.

Der Teilzeitrentner, der Die Zeit nicht mehr aufschlagen möchte.

Der Sohn, der auf dem Weg zur Mutter umdreht.

Und derselbe Sohn, der einen Tag später Gartentor und Staubsauger repariert und mit ihr über Filme redet.

Vielleicht ist keiner davon der falsche, der zugunsten eines besseren verschwinden müsste.

Sie sind.

Und erst danach kann man irgendwann sehen, was sich von selbst verändert.

Das wäre übrigens eine ziemlich sardonische Pointe für eine App namens RadixChat – Astrologie als Sprache der Selbstreflexion:

Am Ende all der Analyse könnte gelegentlich einfach stehen:

Du musst daraus nichts machen.

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