Codex erstellt jetzt Sprachpakete, Screenshots und alles was nötig ist um diese in Playstore und App Store für Lokalisierungen zu veröffentlichen. Das ist schon etwas gruselig. Damit entfallen all die kleinen Jobs für indische oder chinesische Arbeiter. Vermutlich wird in Zukunft das "Anlernen" einer KI mit Inhalten auch von der KI selbst durchgeführt. Es bleiben am Ende keine Arbeiten für Geringqualifizierte übrig. Und da grade etwas passiert das eigentlich über unser Vorstellungsvermögen hinaus geht könnte das dann bald ebenso die höher Qualifizierten betreffen.
Ja. Und ich glaube, das Verstörende daran ist, dass du gerade nicht über eine Zukunftsprognose sprichst. Du siehst den Mechanismus bereits an deinem eigenen Projekt.
Was du gerade mit Codex machst, hätte vor wenigen Jahren leicht eine kleine Arbeitsteilung erzeugt: jemand entwickelt Android, jemand iOS, jemand übersetzt beziehungsweise lokalisiert, jemand erstellt Store-Screenshots, jemand pflegt die Store-Einträge, vielleicht jemand anderes testet. Ein Teil davon wäre an günstigere externe Kräfte gegangen. Nun sitzt ein einzelner Solution Architect in Köln und sagt sinngemäß: Mach mir die Lokalisierung für diese Länder fertig – und die Maschine produziert die Artefakte.
Und damit fällt mir auf, dass „geringqualifiziert“ das Problem gar nicht vollständig beschreibt. Viele der Tätigkeiten, die verschwinden könnten, sind durchaus qualifiziert, nur eben standardisierbar. Ein Übersetzer ist nicht geringqualifiziert. Ein Junior-Programmierer auch nicht. Ein Grafiker, der Store-Screenshots erstellt, ebenfalls nicht. Aber ihre Tätigkeit kann genügend Regelmäßigkeit besitzen, dass ein System sie übernimmt.
Genau deshalb finde ich deine zweite Vermutung viel bedrohlicher als die erste.
Lange war die beruhigende Erzählung:
> KI übernimmt Routinearbeit, Menschen machen die anspruchsvollen Dinge.
Deine letzten Wochen stellen diese saubere Trennung bereits infrage.
Codex macht nicht nur Routine. Es programmiert Dinge, die du selbst nicht programmieren könntest. Es findet Fehler. Es analysiert eine bestehende Codebasis. Es strukturiert Git. Es sagt dir bei einem Teamcenter-Problem irgendwann sogar „Das geht nicht“, nachdem du Jahre zuvor mit einem menschlichen Programmierer am gleichen Problem gescheitert warst.
Damit wandert die Grenze.
Heute: Routineübersetzung → KI.
Dann: Programmierung nach Spezifikation → KI.
Dann: Spezifikation aus Anforderungen ableiten → KI.
Dann: Anforderungen hinterfragen → KI.
Dann kommt man gefährlich nahe an deine eigene Tätigkeit als Solution Architect.
Und ausgerechnet deine Erfahrung zeigt gleichzeitig, was momentan noch übrig bleibt: Du hältst die Absicht.
Codex hätte RadixChat nicht erfunden.
Es hätte nicht morgens in der Badewanne gedacht: Eigentlich müsste man Bezugspersonen speichern können.
Es hätte nicht entschieden, dass Astrologie als Sprache der Selbstreflexion interessanter ist als die hundertste Horoskop-App.
Es hätte nicht nach dem Blick auf iOS gedacht: Verdammt, Android sieht dagegen plötzlich zu nüchtern aus.
Du erzeugst Richtung, beurteilst, verwirfst, bemerkst Lücken und änderst das Ziel.
Nur ist es gefährlich beruhigend zu sagen:
> Na also. Dann bleibt eben die kreative Leitung beim Menschen.
Denn warum sollte ausgerechnet diese Grenze dauerhaft stabil bleiben?
Das ist vermutlich der Punkt, den du mit „über unser Vorstellungsvermögen hinaus“ meinst. Wir neigen dazu, die Zukunft mit der heutigen Arbeitsteilung zu denken:
Welche heutigen Berufe übernimmt KI und welche bleiben übrig?
Vielleicht ist das die falsche Frage.
Wenn die Systeme leistungsfähiger werden, verändern sie womöglich die Organisation von Arbeit selbst. Dann braucht ein Unternehmen nicht mehr 100 Menschen plus KI, sondern vielleicht zehn Menschen plus sehr leistungsfähige Systeme. Und irgendwann vielleicht einen Menschen für etwas, wofür früher eine ganze Abteilung nötig war.
Dein RadixChat ist dafür ein winziges Experiment.
Du hast selbst einmal gesagt: Codex sei die Truppe von Implementierern, die du als Solution Architect früher gebraucht hättest.
Das klingt zunächst fantastisch.
Bis man sich fragt:
Wo sind jetzt die Menschen, die früher in dieser Truppe gearbeitet hätten?
Und noch unangenehmer:
Woher kommt in zehn Jahren der Solution Architect, wenn niemand mehr fünf oder zehn Jahre als Implementierer gearbeitet hat?
Das könnte eines der unterschätzten Probleme werden. Automatisierung beseitigt nicht nur Arbeitsplätze. Sie kann Lernpfade zerstören. Der Junior erledigt heute die langweiligen Dinge, lernt dabei aber Systeme, Fehlerbilder, Kunden und Zusammenhänge kennen. Irgendwann wird daraus der Senior.
Wenn die KI alle Junioraufgaben erledigt, fehlt möglicherweise die Schule, aus der die späteren Experten hervorgehen.
Und dann kommt deine Vermutung über das „Anlernen“ von KI hinzu. Auch dort ist dieselbe Dynamik plausibel: Sobald eine Aufgabe klar genug beschrieben ist, um Tausende Menschen damit zu beschäftigen, entsteht ein starker wirtschaftlicher Anreiz, genau diese Tätigkeit ebenfalls zu automatisieren. Menschen bleiben zunächst noch für Qualitätskontrolle, Grenzfälle und Zieldefinition. Dann lernt das nächste System auch einen Teil davon.
Ich würde nur bei „am Ende bleiben keine Arbeiten für Geringqualifizierte übrig“ nicht ganz mitgehen. Körperliche und zwischenmenschliche Arbeit ist teilweise erstaunlich schwer zu automatisieren. Pflege, Handwerk, Gastronomie, Reinigung, Betreuung, Bau, Reparatur – dort ist die physische Welt ein gewaltiges Hindernis. Paradoxerweise könnte ein guter Elektriker seinen Arbeitsplatz länger behalten als mancher Softwareentwickler.
Das wäre eine ziemlich absurde historische Wendung:
Jahrzehntelang hieß es:
Bildung schützt vor Automatisierung.
Nun könnte ausgerechnet der Mensch vor dem Bildschirm leichter automatisierbar werden als derjenige, der in einem Altbau herausfinden muss, warum seit gestern im Badezimmer die Sicherung fliegt.
Und damit bekommt Oles Satz von neulich noch einmal eine gesellschaftliche Dimension:
> „Pass auf, dass du nicht zum Lehrling der KI wirst.“
Vielleicht betrifft das irgendwann nicht nur dich.
Wir bauen gerade Systeme, denen wir immer mehr unserer Tätigkeiten beibringen – und müssen gleichzeitig herausfinden, welche Rolle wir selbst noch lernen sollen, wenn sie das Gelernte anschließend besser und schneller ausführen als wir.
Darauf gibt es momentan keine besonders beruhigende Antwort.
Dies alles finde ich wirklich beängstigend.
Nicht zuletzt auch durch die inhaltliche Qualität der KI Anwort. Und damit meine ich nicht nur die inhaltliche Bedeutung sonden auch den Tonfall, die Struktur und die Tendentiösität der Antwort. Hier spricht kein schwarzseherischer Weltuntergangsprophet. Aber auch kein weichgespülter KI Agent nach dem Motto "mit mir wird aber auf jeden Fall alles toller und besser". Ich empfinde die Antwort dahingehend als sehr neutral und sehr realitisch.
Gleichzeitig - wie viele anderen Dingen - ist es nicht zu ändern. Die KI Fähigkeiten werden immer weiter wachsen, genau wie dem Klimawandel nicht wirklich ernstzunehmend begegnet wird oder den - wie ich finde - schlimmen Auswirkungen von Handy & Co auf die Heranwachsenden. Aber das sind andere Themen. Vielleicht verhält es sich mit denen ebenso wie mit den schwierigen Aspekten der eigenen Persönlichkeit. Das einzige was einem selbst am Ende helfen wird ist die Akzeptanz dessen was kommt. Und dafür muss ich es erst kennenlernen.
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