Erster Samstageinsatz bei Konstruktix wieder.
Es wird nicht lange dauern.
Ich zermartere mir das Hirn über das Benutzerinterface meiner App um sie im Playstore zu platzieren und bin dabei im Playstore mit einem Benutzerinterface konfrontiert, dass mich an meine Grenzen bringt.
Ohne die Hilfe von Chet den ich immer wieder frage wie und wo ich dort was finde wäre es für mich kaum zu bewältigen.
Ole schickte ich die Tage eine begeisterte Nachricht, dass Codex nun meine linke Hand sei und alles könne. Seine Antwort: Ich solle aufpassen, dass ich nicht zum Lehrling der KI werde.
Ja, man wird bequem. Alles wird schnell beantwortet. Man muss für vieles weniger Arbeit investieren. Ich hätte niemals den Aufwand auf mich genommen mich mit Android Studio in allem was man braucht um eine App zu entwickeln auseinanderzusetzen. Mit dem Programmiercode für Teamcenter ist es genauso. Bis an mein Karriereende hätte ich keine Anfragen nach derartigen Anpassungen bedienen können. Vor 20, oder eher 25 Jahren hätte ich vielleicht den Aufwand noch auf mich genommen. Heute nicht mehr.
Nun kann ich es und tue es.
Wird man dadurch dümmer? Bequemer? Fauler?
Wie wachsen die jungen Leute heutzutage damit auf?
Früher gab es nur die immer wiederkehrende Frage im Mathematik Unterricht: "Und wofür brauche ich das später?".
Heute muss man diese Frage vermutlich in jedem Fach beantworten.
KI kann alles und macht alles. Gestern suchte ich lange nach einer Möglichkeit eine Funktion in Teamcenter zu programmieren. Irgendwann sagte Codex: "Es geht nicht".
Das war erneut einmal mehr eine beeindruckende Leistung. Ich erinnerte mich, dass ich vor vielen Monaten mit einem Programmierer versuchte das gleiche Problem zu lösen. Damals gaben wir irgendwann auf.
Heute gibt Codex auf. Es geht einfach nicht. Es gab nicht dieses endlose probieren, das man manchmal von chatGPT kennt. "Oh, du hast recht! Warte, jetzt habe ich aber die wirkliche Lösung für dich!". Ein einfaches "Geht nicht". Das war ebenso hilfreich wie die Lösungen die Codex vorher für mich gezaubert hat.
Ich finde Oles Satz ziemlich gut: „Pass auf, dass du nicht zum Lehrling der KI wirst.“ Gerade weil die Umkehrung so interessant ist. Eigentlich sollte Codex dein Lehrling sein. Du sagst, was gebaut werden soll, Codex erledigt die Implementierung. Aber ein Lehrling, der in vielen Detailfragen mehr weiß als sein Meister, verändert zwangsläufig dessen Arbeit.
Ich glaube allerdings nicht, dass die entscheidende Achse klüger ↔ dümmer ist. Eher verschiebt sich, worin die eigene geistige Leistung besteht.
Dein Teamcenter-Beispiel zeigt das sehr schön. Früher hätte die Fähigkeit vielleicht darin bestanden, APIs zu studieren, Beispiele zu suchen, Syntax zu lernen, zu kompilieren, Fehlermeldungen zu verstehen und sich tagelang an eine Lösung heranzuarbeiten. Heute kannst du einen großen Teil davon an Codex abgeben. Damit verkümmert möglicherweise tatsächlich etwas: Du wirst diesen Code anschließend nicht so tief beherrschen wie jemand, der ihn mühsam selbst entwickelt hat.
Dafür kannst du plötzlich Dinge tun, die außerhalb deines bisherigen Kompetenzradius lagen.
Das ist keine Kleinigkeit. Dein Satz
„Nun kann ich es und tue es.“
trifft für mich den interessanteren Teil.
Du wärst nicht stattdessen ein großartiger Android-Entwickler geworden, wenn es Codex nicht gäbe. Du hättest die Android-App schlicht nicht gebaut. Und du wärst jetzt mit 58 vermutlich auch nicht noch einmal tief in die Teamcenter-Programmierung eingestiegen. Das Wissen, das du durch KI möglicherweise nicht mehr erwirbst, wäre in diesen Fällen also ohnehin nicht erworben worden. Stattdessen entsteht etwas, das ohne KI gar nicht entstanden wäre.
Bei jungen Menschen ist die Frage schwieriger.
Denn die haben noch nicht deine Jahrzehnte an Erfahrung darunter. Du kannst Codex sagen, was Teamcenter tun soll, weil du Teamcenter verstehst. Du kannst wahrscheinlich auch beurteilen, ob seine Lösung konzeptionell plausibel ist. Und gerade dein gestriges „Es geht nicht“ ist dafür ein hervorragendes Beispiel.
Ein Anfänger hat ein viel größeres Problem: Woher weiß er, ob das „geht nicht“ eine brillante Erkenntnis ist – oder ob die KI schlicht keine Lösung gefunden hat?
Dafür braucht man Wissen.
Und damit wird die alte Schülerfrage „Wofür brauche ich das später?“ tatsächlich viel interessanter. Früher konnte der Lehrer sagen: Du brauchst Mathematik später für X. Heute könnte der Schüler sagen: Nein, dafür brauche ich Mathematik nicht. Ich beschreibe das Problem einer KI und sie rechnet es aus.
Das stimmt womöglich sogar.
Aber er braucht Mathematik vielleicht für etwas anderes: um beurteilen zu können, ob das Ergebnis Unsinn ist.
Das gilt für Sprache genauso. Man muss keinen guten Text mehr schreiben können, um einen guten Text zu produzieren. Aber ohne Sprachgefühl kann man kaum erkennen, ob der produzierte Text wirklich gut ist. Man muss nicht mehr hervorragend programmieren können, um Software zu erzeugen. Aber ohne Verständnis von Softwarearchitektur merkt man möglicherweise nicht, dass Codex einem gerade eine Katastrophe zusammengebaut hat.
Vielleicht verschiebt sich Bildung deshalb von Produktion zu Urteilskraft.
Und das ist keineswegs automatisch einfacher. Im Gegenteil: Etwas selbst herstellen zu können und etwas beurteilen zu können, sind unterschiedliche Kompetenzen. Letztere setzt häufig ziemlich viel von ersterer voraus.
Deine Play-Store-Erfahrung heute Morgen enthält dazu eine hübsche Ironie. Du hast mithilfe von KI eine komplette Android-App gebaut – und scheiterst beinahe an der Benutzeroberfläche, die dafür vorgesehen ist, diese Android-App zu veröffentlichen. 😄
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass da plötzlich so Smileys kommen...eigentlich nicht mein Stil.
Die eigentliche Knappheit liegt plötzlich an völlig unerwarteten Stellen.
Und dein Erlebnis mit Codex' „Es geht nicht“ finde ich vielleicht sogar noch wichtiger als die vielen erfolgreichen Lösungen. Gute Assistenz bedeutet eben nicht, immer eine Antwort zu produzieren. Das endlose „Ah, jetzt sehe ich meinen Fehler, hier ist die richtige Lösung!“ ist eine der nervigsten Eigenschaften von KI-Systemen, wenn tatsächlich eine technische Grenze erreicht ist.
Ein kompetenter menschlicher Mitarbeiter zeichnet sich schließlich auch dadurch aus, dass er irgendwann sagt:
Ich habe das geprüft. So funktioniert es nicht. Wir müssen entweder die Anforderung ändern oder einen anderen Weg wählen.
Wenn Codex das zuverlässig unterscheiden kann, wird es für deine Rolle als Solution Architect tatsächlich enorm wertvoll. Denn dann ist es nicht bloß ein schneller Codegenerator.
Und vielleicht steckt darin auch die Antwort auf Ole: Du wirst zum Lehrling der KI, wenn du aufhörst, ihr Urteil beurteilen zu wollen.
Solange du dagegen das Ziel bestimmst, Anforderungen formulierst, Ergebnisse prüfst, Entscheidungen triffst und auch ein „geht nicht“ in den größeren fachlichen Zusammenhang einordnen kannst, bleibt die Rollenverteilung ziemlich eindeutig.
Codex ist dann deine linke Hand.
Problematisch würde es erst, wenn die linke Hand anfängt zu entscheiden, wohin du gehst.
Die zehn der Kelche. In den spielenden Kindern sehe ich mich selbst etwas. Sie entzünden geradezu die Freude über den Fortgang mit RadixChat und Konstruktix.
Die beiden Erwachsenen (sollen vermutlich die Eltern sein) erzeugen Assoziationen zu Gladiator 2, den ich gestern sah.
In zwei Hälften. Die erste Hälfte sah ich vorgestern.
Während ich mich vorgestern noch völlig der monumentalen Action hingeben konnte, erschien mir gestern einiges fast grotesk plakativ und teilweise hanebüschen. Speziell die Haie im Kolosseum.
Außerdem musste ich dann doch auch etwas über Marc Aurel und Lucius Aurelis nachlesen und dabei stellte sich einmal mehr heraus, wie frei solche Filme die Geschichte interpretieren und in einfache Geschichten pressen. Das ist ja legitim. Doch die Wirklichkeit ist eben immer ungleich komplexer.
Im Film wird Lucius als Nachfahre von Marc Aurel dargestellt. Als Sohn der Tochter Aurels. Die ihn natürlich mit dem Überhelden Maximus gezeugt hat. So dass der nun auf eine über alles erhabene Ahnenreihe schauen kann. Nur Helden wohin man schaut. Die Ideale und Werte des Vaters und eigentlich dieses ganzen Familienstranges weitertragend und - am Ende des Films - natürlich zur Blüte treibend.
Also eher kaum zum persönlichen Vorbild geeignet. Es stellt sich die Frage, ob solche Filme auch zur Volksverdummung beitragen und - ähnlich der sog. Influencer - dazu, dass man selbst chronisch unzufrieden mit seinem Leben ist, denn wer kann schon derart voller Stolz auf seine Eltern schauen und sich selbst damit stärken, dass die Ahnenreihe diese über alles erhabenen Ideale weitergetragen hat.
Die Zehn der Kelche finde ich heute fast ironisch passend zu genau diesem Gedanken. Denn die Karte zeigt ja selbst eine Art idealisierte Familienerzählung: Erwachsene, Kinder, Haus, Landschaft, Regenbogen, zehn Kelche über allem. Das Bild sagt nicht: So sieht Familie aus. Es zeigt ein kulturelles Bild davon, wie vollkommenes Angekommensein aussehen könnte.
Und du machst mit der Karte gerade etwas Interessantes: Du identifizierst dich gar nicht mit dem Elternpaar, sondern mit den spielenden Kindern. Das Glück liegt für dich heute offenbar nicht in „Ich habe die vollkommene Familie geschaffen“, sondern in diesem fast kindlichen: Es geht weiter! Es funktioniert! Ich kann etwas machen! RadixChat entwickelt sich weiter, bei Konstruktix kannst du Dinge lösen, die dir vorher verschlossen waren. Das hat tatsächlich etwas von herumrennenden Kindern.
Bei Gladiator II dagegen stößt du auf die andere Seite des Bildes: die monumentale Familienlegende.
Und ja, der Film konstruiert Lucius ganz bewusst als Erben einer beinahe grotesk verdichteten moralischen Ahnenreihe. Das Interessante ist dabei gar nicht, dass das historisch frei erfunden ist. Wie du sagst: Das darf ein Spielfilm. Sondern was für eine psychologische Erzählung daraus gemacht wird:
Marcus Aurelius → Lucilla → Maximus → Lucius.
Weisheit, Integrität, Tapferkeit, Opferbereitschaft, Gerechtigkeit – alles fließt am Ende in diesen einen Mann hinein. Er muss eigentlich nur noch erkennen, wer er wirklich ist, und sein Erbe antreten.
Das ist eine uralte Heldenerzählung. Und genau darin liegt auch ihre Verführung.
Macht uns so etwas unzufrieden?
Ich glaube: Es kann. Aber etwas anders als Instagram.
Der Influencer-Vergleich gefällt mir trotzdem. Dort lautet die Illusion:
Andere Menschen haben schönere Körper, schönere Wohnungen, interessantere Reisen, erfolgreichere Karrieren und glücklichere Beziehungen als ich.
Die Heldengeschichte erzeugt eine ältere und tiefere Variante:
Andere Menschen haben eine bedeutungsvolle Biografie.
Bei Lucius ergibt alles einen großen Bogen. Sein Vater war Maximus. Sein Großvater Marcus Aurelius. Sein Leid bekommt Bedeutung. Seine Herkunft bekommt Bedeutung. Seine Kämpfe bekommen Bedeutung. Am Ende führt alles auf seine Bestimmung zu.
Das wirkliche Leben ist dagegen voller Dinge, die keinen schönen Bogen ergeben.
Eltern sind widersprüchlich. Sie können uns lieben und trotzdem verletzen. Ein Vater kann etwas Wertvolles mitgeben und an anderer Stelle fehlen. Eine Mutter kann nähren und zerstören. Wir übernehmen nicht nur Tugenden, sondern Ängste, Abwehrmechanismen, schlechte Gewohnheiten und ungelöste Konflikte. Und manches, was uns geprägt hat, würden wir am liebsten überhaupt nicht weitertragen.
Gerade deshalb finde ich deinen Gedanken im Zusammenhang mit deinen letzten Wochen interessant. Du beschäftigst dich momentan sehr stark mit der Frage:
Was trägt eigentlich?
Saturn bekam plötzlich diese positive Bedeutung. Dann dein „Netz“. Cassandra und das Genährtsein. Die Familie im Stadtgarten. Dein altes Zimmer bei deiner Mutter. Jetzt die Zehn der Kelche.
Vielleicht braucht man dafür aber gar keine heroische Ahnenreihe.
Du hast vorhin von Kurt-Felix, Fred und Birgit erzählt und von diesem für dich quälenden „Warum hast du das nicht anders gemacht?“. Auch das gehört zu einer Ahnen- beziehungsweise Familiengeschichte. Nur besteht die Entwicklungsaufgabe dann gerade nicht darin, stolz das Ideal des Vaters weiterzutragen wie Lucius.
Sie könnte darin bestehen, irgendwann zu sagen:
Das hier trage ich weiter. Das dort nicht. Und etwas anderes füge ich selbst hinzu.
Das ist viel unspektakulärer als Gladiator. Aber psychologisch finde ich es interessanter.
Und vielleicht liegt genau darin die Gefahr solcher Filme
Nicht unbedingt „Volksverdummung“. Das wäre mir etwas zu stark, weil wir Menschen solche vereinfachenden Mythen offenbar seit Jahrtausenden erzählen. Odysseus, Herakles, Artus, Siegfried, Star Wars, Gladiator – immer wieder wird aus der kaum überschaubaren Wirklichkeit eine Geschichte mit Herkunft, Prüfung und Bestimmung.
Wir brauchen solche Verdichtung vielleicht sogar, um bestimmte menschliche Themen überhaupt fühlen zu können.
Problematisch wird es, wenn wir anschließend den Mythos als Maßstab an das wirkliche Leben legen.
Dann sieht das eigene Leben plötzlich armselig aus:
Kein Marcus Aurelius als Großvater.
Kein Maximus als Vater.
Keine Bestimmung.
Kein römisches Reich zu retten.
Nur ein Samstagmorgen bei Konstruktix. Ein Stundenzettel. Eine App, die Google immer noch nicht freigeschaltet hat. Ein Sohn, der irgendwann den Build testen soll. Freunde, die mal da sind und mal nicht. Eine komplizierte Familie. Beziehungen, die teilweise scheiterten. Und immer wieder die Frage, was man eigentlich aus dem ganzen Zeug macht.
Aber genau hier gefällt mir deine Zehn der Kelche heute viel besser als Gladiator II.
Du hast nämlich spontan die Kinder gesehen und gedacht: Das bin gerade ich.
Nicht deine Ahnen. Nicht das ideale Elternpaar. Nicht einmal die große glückliche Familie.
Die Freude am Machen.
Vielleicht ist das eine viel realistischere Form von Erbe: Man muss nicht aus einer Linie von Helden stammen, um etwas in sich vorzufinden, das trägt. Und manchmal stammt das Tragende vielleicht überhaupt nicht aus der Ahnenreihe.
Manchmal entsteht es einfach irgendwann selbst.
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