Der Ritter der Stäbe heute morgen.
Hält sein temperamentvolles Pferd in der kargen Wüste.
Es war gestern ein schöner Tag im Phantasialand. Zunächst eine gute Stunde alleine dort gegangen und gegessen bis ich auf Norman und Christi traf. Eine neue Bekannte von ihm. Ich sah sie zum ersten Mal. Paul und zwei seiner Freunde kamen irgendwann auch dazu. Wir gingen eine Weile zu sechst.
Eine wilde Achterbahnfahrt.
Eine weniger wilde.
Dreimal Kettenkarussel gefahren.
Das erste Mal alleine. Einmal mit Paul. Am Ende nochmal alleine. Das war herrlich.
Eine Weile auf dem großen Platz davor in der Sonne gelegen und es beobachtet. Es hat so etwas romantisches. Ich erinnerte mich daran, dass in irgendeinem Film irgendjemand daraus eine Lebensweisheit konstruierte. Dieses vergügte immer im Kreis drehen, auf und ab.
Gegen 20 Uhr wieder zu Hause. Noch zwei Folgen "The Gentlemen". Am Ende der letzten Folge die ich sah macht der Hauptdarsteller seiner neuen Flamme einen Heriatsantrag. Sie fangen beide an zu weinen. Er sinkt vor ihr auf die Knie und küsst ihre Hände. Eine schöne Szene.
Der Ritter der Stäbe passt erstaunlich gut zu gestern. Und dein Blick auf das Bild gefällt mir: nicht einfach der draufgängerische Ritter, sondern einer, der ein temperamentvolles Pferd hält. Da ist sehr viel Bewegungsenergie, aber sie schießt gerade nicht ungebremst los.
Eigentlich war dein ganzer Tag ziemlich stäbig. Motorrad. Freizeitpark. Achterbahn. River Quest. Kettenkarussell. Sonne. Menschen. attraktive Frauen. Bewegung, Körper, Reize. Und auffällig wenig von dem schweren „Was mache ich heute eigentlich?“, das dich an anderen freien Tagen verfolgt.
Und dann dreimal dieses Kettenkarussell.
Das Bild gefällt mir im Zusammenhang mit deinem älteren Herrn im Park. Du sitzt nicht nur irgendwo und beobachtest das Leben. Du lässt dich tatsächlich in die Luft schleudern und drehst dich ziemlich zweckfrei im Kreis. Allein sogar zweimal.
Das ist fast reines fünftes Haus: vollkommen unnütz, spielerisch, ein bisschen kindlich, körperlich, lustvoll. Man kommt anschließend exakt dort wieder an, wo man eingestiegen ist. Kein Fortschritt. Kein Ergebnis.
Saturn im fünften Haus musste Eintritt bezahlen und durfte mitfahren.
Und offenbar hat es dir gefallen.
Und danach der Heiratsantrag
Das ist ein schöner Kontrast.
Tagsüber dieses sehr unmittelbare, fast jugendliche Begehren: schöne Körper, Achterbahn, Wasser, Sonne.
Abends sitzt du erschöpft zu Hause und siehst zwei Menschen weinen, während einer vor dem anderen kniet und ihre Hände küsst.
Und das berührt offenbar ebenfalls etwas.
Vielleicht zeigt das ziemlich gut, warum deine Sexualität allein deine Sehnsucht nicht erklärt. Du willst durchaus Körper. Schönheit. Erregung. Das Fieber.
Aber daneben existiert diese andere Sehnsucht:
Jemand entscheidet sich.
Nicht flüchtiger Blick.
Nicht Mikroaufmerksamkeit.
Nicht Status nach sechs Minuten gesehen.
Nicht eine schöne Frau im River Quest.
Sondern:
Du. Mit dir möchte ich mein Leben verbinden.
Da sind wir wieder bei deinem Thema von vorgestern: Sicherheit und Verbindlichkeit.
Und vielleicht liegt zwischen diesen beiden Polen ein erheblicher Teil deiner gegenwärtigen Spannung.
Der Ritter der Stäbe möchte los.
Er sieht etwas Schönes und will hin.
Aber ein anderer Teil von dir möchte überhaupt nicht mehr nur irgendwohin.
Er möchte ankommen.
Vielleicht ist das Pferd deshalb heute Morgen noch nicht losgeritten.
Es tänzelt.
Der Ritter hält es.
Und irgendwo hinter dieser kargen Landschaft liegt vielleicht nicht die nächste aufregende Frau, sondern etwas, das du zuletzt immer genauer beschrieben hast:
Jemand, dem du erzählen kannst, dass du gestern dreimal Kettenkarussell gefahren bist.
Und der nicht fragt:
Warum erzählst du mir das?
Sondern sagt:
„Dreimal? Natürlich.“
Der Bube der Schwerter von vorgestern erscheint mir im Nachhinein wie ein temporärer Abschied von den Schwertern.
Die zehn der Schwerter erscheint immer noch als derzeitiger "Hänger" der Tarot App als erstes. Wie eine Art Schatten des Vergangenen. Aber das gestrige Ass der Münzen und der heutige Ritter der Stäbe erscheint mir auch nicht als endgültiger Eintritt in deren Welt. Eher als temporärer Ausflug wie "Schau Mal...schmecke einmal hier hinein...". Die Rückkehr der Schwerter scheint aber schon in der Luft zu liegen als unausweichlicher Bestandteil meines Selbst.
Ja. Und ich würde den letzten Satz nur an einer Stelle verändern: vielleicht nicht die Rückkehr der Schwerter, sondern ihr Dableiben.
Denn wenn die Schwerter für deine starke geistige Tätigkeit stehen – unterscheiden, analysieren, Zusammenhänge herstellen, Widersprüche bemerken, Sprache sehr genau nehmen –, dann wäre es merkwürdig, wenn irgendeine Entwicklung darauf hinausliefe, sie hinter dir zu lassen. Das wäre tatsächlich ein Abschied von einem wesentlichen Teil deiner Art.
Der Bube der Schwerter gefällt mir in deiner jetzigen Lesart deshalb noch besser. Er wirft das Schwert nicht fort. Er hat es weiterhin in der Hand. Aber wie du damals gesehen hast, hält er es merkwürdig abseits. Sein Blick geht zu etwas anderem.
Fast:
„Das kann ich. Das kenne ich. Aber jetzt schaue ich mal dort hin.“
Und dann kommt tatsächlich das Ass der Münzen.
Nicht: Ab jetzt wirst du Münzenmensch.
Sondern: Fühl mal.
Geld ausgeben für einen Tag mit Norman. Motorrad. Phantasialand. Essen. Sonne. Kettenkarussell. Körperliche Erschöpfung. Etwas vollkommen Konkretes. Eine Münze in der Hand statt zehn Schwerter im Kopf.
Und heute der Ritter der Stäbe:
Und jetzt probier einmal das.
Geschwindigkeit. Achterbahn. Attraktion. Begehren. Impuls. Eine fremde Frau. Christi umarmen. Motorrad. Bewegung. Feuer.
Auch das bist du offensichtlich. Aber vermutlich ebenso wenig ausschließlich.
Gerade deshalb finde ich deine Zehn der Schwerter als „Hänger“ interessant. Sie liegt gewissermaßen noch unter den neuen Tageskarten und sagt:
Die alte Form der Schwerter ist vorbei – nicht das Schwert selbst.
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied.
Nicht das Denken stirbt.
Vielleicht stirbt – oder verändert sich zumindest – eine bestimmte Art, vom Denken beherrscht zu werden.
Das würde auch zu der Zehn als Abschluss der Zahlenreihe passen. Danach käme innerhalb der Schwerterwelt irgendwann wieder das Ass: dieselbe Qualität, aber neu begonnen.
Und vielleicht ist der Bube dafür tatsächlich eine Art Übergangsfigur. Noch ganz Schwert, aber jung, beweglich, neugierig. Nicht der König, der bereits alles eingeordnet hat. Nicht die Acht, die zwischen den eigenen Schwertern gefangen steht. Nicht die Zehn, die darunter zusammengebrochen ist.
Einer, der das Schwert besitzt und gleichzeitig woanders hinschauen kann.
Das gefällt mir für dich sehr.
Denn ich glaube nicht, dass dein Frieden darin liegen würde, irgendwann weniger Mirko zu sein: weniger analytisch, weniger assoziativ, weniger sprachlich, weniger interessiert an psychologischen Zusammenhängen. Du würdest dich vermutlich nach drei Tagen selbst vermissen.
Vielleicht geht es eher darum, dass das Schwert nicht für jede Erfahrung das geeignete Werkzeug sein muss.
Man kann einen Kuss nicht vollständig analysieren, während man ihn bekommt.
Man kann beim Kettenkarussell schlecht die Fliehkraft psychologisch einordnen und gleichzeitig dieses herrliche Schweben erleben.
Man kann Christis Körperreaktion wahrnehmen und die Umarmung lösen, ohne anschließend einen Gerichtshof über angemessenes Abschiedsverhalten einzuberufen.
Und man kann Bernd am Bach zuhören, ohne währenddessen zu analysieren, warum diese Begegnung so nährend ist. Das hast du erst hinterher getan.
Vielleicht waren gerade deshalb diese Minuten so schön.
Das Schwert lag für eine Weile daneben.
Und anschließend konntest du es wieder aufheben und sagen:
Was war das eigentlich gerade?
Das wäre eine ziemlich schöne Funktion für deine Schwerter.
Nicht mehr unbedingt:
Erst verstehen, dann leben.
Sondern manchmal:
Erst leben. Danach darf das Schwert wiederkommen.
Dann wären Ass der Münzen und Ritter der Stäbe tatsächlich keine neuen Heimatländer.
Eher Nachbarländer.
Du fährst hin.
Probierst das Essen.
Schaust dich um.
Und irgendwann kehrst du in die Schwerter zurück.
Nur vielleicht mit etwas Erde an den Schuhen und Feuer im Gepäck.
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